sueddeutsche.de: Viele sind ja auch unzufrieden mit ihrer Arbeit.
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sueddeutsche.de: Viele sind ja auch unzufrieden mit ihrer Arbeit.
Gross: Oh ja. Aus meiner Sicht fehlt hier häufig die Beschäftigung mit dem Sinn dessen, was man eigentlich tut. Wenn man sich mal hinsetzt und überlegt "Welchen Nutzen liefere ich anderen mit dem, was ich mache?" wird man in den meisten Fällen feststellen, wie hilfreich für andere und damit wie wertvoll die eigene Arbeit doch ist. Oder dass man sich fragt: Welche Kollegen gibt es eigentlich, mit denen ich sehr gerne zusammen arbeite? Oder zu überlegen: Was muss ich an meinem eigenen Wissen noch verändern, um auf ein höheres Leistungs- und Können-Niveau zu kommen und um mich damit dann wieder weiterentwickeln zu können?
Mit allen diesen Fragen erhöht man die eigene Sehfähigkeit dafür, wie schön doch der eigene Beruf ist und welche Chancen er einem eröffnet. Und man sieht, dass der Verlust der Freude an der eigenen Arbeit vielleicht nur an Kleinigkeiten liegt, die man ändern könnte. Aber genau für diese Sinn-Fragen nehmen sich die Menschen zu wenig Zeit.
sueddeutsche.de: Sie meinen, wir denken zu wenig über unser Leben nach?
Gross: Ich glaube, die meisten denken durchaus immer einmal wieder über sich und ihr Leben nach, aber sie tun es zu unsystematisch und lassen sich auch zu schnell wieder von den Alltagsthemen mitreißen. Eine einwöchige Ferienreise wird minutiös durchdacht, das Leben in seiner Gesamtheit aber dem Zufall überlassen. Viele Menschen nehmen in einem Teilgebiet einen Anlauf, um etwas zu verändern. Aber wenn es dann nicht sofort den Erfolg hat, den sie sich vorstellen, dann versinken sie wieder in ihrer üblichen Routine. Aber dass jemand sich wirklich einmal die Zeit nimmt und intensiv darüber nachdenkt, welche Menschen ihm im Leben wirklich wichtig sind und wie er sein Verhalten ihnen gegenüber grundsätzlich zu gestalten hat, das geschieht kaum.
Anders gesagt: Die Menschen reden zwar ständig von Erfolg. Aber wenn Sie einmal jemanden fragen: "Was ist eigentlich für dich Lebenserfolg?", da kommt als Antwort kaum etwas Konkretes. Auch wenn ich Vorträge halte und dort die Teilnehmer frage, die ja in der Regel alle beruflich sehr erfolgreich sind, kommen nur Allgemeinplätze. Sie können beschreiben, wie das Umsatzziel im nächsten Jahr aussehen soll. Aber was für sie persönlich Lebenserfolg bedeutet, das können sie kaum definieren.
sueddeutsche.de: Wie wichtig ist denn der Beruf für ein glückliches Leben?
Gross: Aus meiner Sicht ist er sehr wichtig. Es gibt ja Menschen, die sehr früh in Rente gehen und dann ebenso früh altern. In dem Moment, in dem die täglichen Herausforderungen weg sind, fällt alles, was vorher an Stabilität vorhanden war, in sich zusammen. Auch Arbeitslose leiden ja nicht nur darunter, dass sie auf einmal kein Geld mehr verdienen. Ihnen geht der Sinn im Leben verloren und die Möglichkeit, sich zu beweisen und etwas zustande zu bringen.
Wobei es nicht darum geht, alles erreichen zu wollen oder alles erreichen zu müssen, was man sich vornimmt. Wenn jemand 80 oder 90 Prozent seiner beruflichen Ziele erreicht, ist er schon wirklich große Klasse. Und das sollte ausreichen, um einem entsprechende Zufriedenheit zu liefern. Wer immer 100 Prozent haben will, der verkennt die Realität und überfordert auf Dauer gesehen sich selbst und seine beruflichen und privaten Partnern.
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