Ein Gymnasiallehrer über die Gründe, warum gerade in diesem Jahr so viele Schüler das Klassenziel verfehlen.
Jonas Lanig, 57, unterrichtet Deutsch und Geografie am Labenwolf-Gymnasium in Nürnberg. In einer seiner Klassen sind kurz vor der Zeugnisvergabe 40 Prozent der Schüler vom Sitzenbleiben bedroht.
Anzeige
SZ: Herr Lanig, wie viele Kinder müssen bei Ihnen zittern?
Lanig: In meiner achten Klasse habe ich 24 Schüler. Im Halbjahreszeugnis waren fünf gefährdet, mit mindestens einem Fünfer. Und fünf waren sehr gefährdet, mit zwei Fünfern, einem Sechser oder mehr. Das sind etwa 40 Prozent, das finde ich schon ganz erheblich, das macht mir wirklich Sorge. Bei uns liegt das derzeit vor allem an der Stoffverdichtung wegen der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium in Bayern, die einfach von den Schülern nicht geleistet werden kann. Aber hinter jedem Schüler steckt eine eigene Problemgeschichte.
SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?
Lanig: Ein Schüler lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter. Sie ist arbeitslos geworden, er wird nicht mehr geweckt am Morgen, kommt zu spät. Der hat in Mathematik jetzt eine Fünf geschrieben. Wir Lehrer überlegen da gemeinsam, wie wir für den Jungen die Situation verbessern können.
SZ: Wie zum Beispiel?
Lanig: Ich habe den Schüler zu einem halbstündigen Gespräch bestellt und mit ihm besprochen, wie er in Zukunft seinen Tagesablauf eigenverantwortlich regeln kann, wenn seine Mutter jetzt mit anderen Problemen belastet ist. Da haben wir ein Tageskonzept entwickelt, mit einem ganz festen Zeitraster. Es gibt feste Zeiten für die Hausaufgaben, sogar einen verbindlichen Termin, wann er abends schlafen geht.
SZ: Glauben Sie, er schafft es noch?
Lanig: Ich bin ganz sicher, weil die Lehrer seine Situation kennen und ihm, falls es nötig wird, sicherlich eine Chance geben würden. Er schreibt keine Sechser, sondern Fünfer und Vierer, er verhält sich tadellos, arbeitet mit. Ich gebe ihm noch eine positive Prognose.
SZ: Allgemein gefragt: Welche Hilfe brauchen gefährdete Schüler?
Lanig: Wenn man die Kinder an die Hand nimmt, einen Zwischenstopp macht und ihnen Hilfen gibt, ihre ins Schludern geratene Arbeitsweise in den Griff zu kriegen, dann ist die zweite Chance nicht nur eine leere Formel, sondern wird auch genutzt. Wenn nicht, werden sie sich mit einem Neuanfang schwer tun. Der Schlendrian wird weitergehen.
(SZ vom 21.6.2007)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin