Die digitale Informationsflut lähmt bei der Arbeit und macht krank - Rettung ist kaum in Sicht.
(SZ vom 15.7.2003) Aus einer Kristallkugel zu lesen war eigentlich nie das Ziel von David Rose. Trotzdem hat er sich eine auf den Schreibtisch gestellt. Aus ihrem Inneren leuchtet es sanft durch sandgestrahltes Glas: grün, wenn die Aktien-Kurse an der Wall Street steigen, rot, wenn sie fallen. Dieses Marktbarometer für die Augenwinkel stammt aus David Roses eigener Firma Ambient Devices. Die Kugel ist drahtlos mit dem Internet verbunden und statt des Dow Jones könnte sie auch den Pollenflug zeigen, die Staus auf dem Heimweg oder Anrufe vom Chef.
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Ein Gerät wie dieses, das Daten auf ein Minimum komprimiert, passt in die heutige Zeit. Schließlich hat das Informationszeitalter bislang vor allem bewirkt, dass eine kaum zu bewältigende Flut von Nachrichten in immer kürzerer Zeit über die Menschen hereinbricht. Die Möglichkeiten, Nutzen und Schlussfolgerungen aus all diesen Rohdaten zu ziehen, haben nicht Schritt gehalten. Eine ausgereifte Technik, um die Infomassen zuverlässig für die eigenen Bedürfnisse zu kanalisieren, gibt es nicht. Die Folge: Viele Menschen übersehen Wichtiges, manche entwickeln eine Sucht nach neuen Infohappen und andere werden sogar richtig krank.
Der Empfänger als Opfer
Gerade mal 0,3 Promille der gesamten Informationsflut steht heute noch auf Papier, wurde im Rahmen des Projekts "How Much Information?" an der University of California in Berkeley errechnet. Der Rest lagert auf optischen oder magnetischen Datenträgern mit gigantischem Speicherplatz und wird per Internet oder Intranet abgerufen. Ähnliches gilt auch für die Erstellung von Inhalten. "Es gibt nicht nur Massenproduktion von Information", sagt Projekt-Initiator Hal Varian mit Blick auf private Webseiten, "sondern auch Informationsproduktion durch die Massen."
Zugleich machen die schiere Menge und der einfache Zugang zu Daten immer mehr Menschen zu schaffen. "Infostress", nennt es Neville Meyers von der Queensland University of Technology im australischen Brisbane, "wenn wir mit zu vielen Informationen konfrontiert werden, mit denen wir nicht umgehen können." Unwichtige oder schlampig formulierte E-Mail und nicht mehr überschaubare Ergebnislisten aus Internet-Suchmaschinen nerven inzwischen die Nutzer eines Mediums, das sie mit seinen technischen Möglichkeiten zugleich in den Bann gezogen hat.
Nebenwirkungen sind bereits erkennbar. Zwar gebe es Informationsüberflutung schon seit Jahrzehnten, sagt Myers, aber Infostress sei ein neues Phänomen, das vor allem vom Internet verursacht werde. Umfragen bei australischen Unternehmen ergaben, dass jeder zweite Manager nicht im Stande ist, all die Fakten zu verarbeiten, mit denen er umgehen muss. Ein Drittel sieht sich sogar als "Opfer von Informations-Ohnmacht". Da bleiben auch körperliche Beschwerden nicht aus. "Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen Datenüberflutung und psychosomatischen Erkrankungen wie Nackenschmerzen oder Schlaflosigkeit und verminderter Arbeitszufriedenheit", berichtet Katja Preising, die an der Universität Erlangen Informationsflut am Arbeitsplatz untersucht hat. Obwohl im Umgang mit den Neuen Medien vertraut, klagte jeder fünfte von ihr befragte Arbeitnehmer über starke Probleme durch den Umgang mit den vielen Nachrichten.
Das Gehirn wird faktenmüde
In Notsituationen kann zu viel Information sogar tödlich sein. So berichteten die Rettungskräfte nach dem Anschlag auf das World Trade Center, sie hätten Schwierigkeiten gehabt, die wichtigen Fakten aus dem großen Berg der von allen Seiten eintrudelnden Daten herauszulesen. "Der Zugriff auf viele Informationen ist großartig, aber das Gehirn wird schnell faktenmüde", hat der Kommunikationsspezialist Thomas Castro von der US-Marine im ersten Golf-Krieg gelernt. "Du wirst mit Daten überschüttet, musst aber stets auf der Hut sein, um nicht ein kleines, lebensrettendes Stück Information zu übersehen."
Das wird durch Technik oft noch beschleunigt: Das hochgelobte Kommunikationssystem der US-Truppen im jüngsten Irakkrieg ist nach dem Ende der Kampfhandlungen in internen Dokumenten heftig kritisiert worden: "Die Marines wurden überwältigt von der hohen Zahl verschiedener Kommunikationsgeräte", heißt es in einem Report des Marine Corps Systems Command Liaison Team. Zu den fünf Sprechfunk-Verbindungen, von denen manche nur mit, manche nur ohne Helm zu hören waren, kamen noch zwei Datenleitungen für Laptops. Die Offiziere und Kommandeure litten häufig unter "information overload", heißt es in dem Bericht.
Fraglich bleibt, ob immer neue Technik grundsätzlich geeignet ist, die Datenflut wieder einzudämmen. Im Alltag solle man sich nur für eine bestimmte Zeit seiner E-Mail widmen und danach auf die Arbeit konzentrieren, rät Katja Preising. Auch die Web-Recherche ließe sich mit kombinierten Suchbegriffen effektiver gestalten. "Medienkompetenz ist ein Schutzfaktor gegen Informationsüberflutung", sagt Preisings Kollegin Anja Göritz. Entsprechende Schulungen bieten jedoch nur wenige Unternehmen.
Erkennen, was der Suchende will
Experten vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) setzen auf Informationslogistik. Dabei "bucht" man einfach gewünschte Nachrichten beim Systemadministrator oder Internet-Provider für das passende Ausgabegerät. "Mit unserer Lösung Offistix erhält man von Hunderten von Rundschreiben nur noch die relevanten in sein E-Mail-Postfach", verspricht ISST-Forscher Carsten Lienemann. Das sei wie bei Bergsteigern, die nur die Wetterwarnungen für die Gegend, in der sie sich gerade aufhalten, per SMS bekommen.
Ähnlich arbeiten auch autonom agierende Software-Agenten. Sie benachrichtigen den Benutzer, wenn die von ihm üblicherweise angesurften Websites aktualisiert werden. Spezielle Agenten sammeln im Web Information beispielsweise über günstige Reisen oder Bücher und sortieren sie für den Benutzer. Agenten sollen auch die Arbeit bei Katastrophen-Teams und bei der Armee verbessern. So entwickelt das Army Research Lab "Collaborative Agents for Simulating Teamworking" (CAST) Software-Agenten, die die Ziele der Mission und das Team kennen und so herausfiltern können, welche eingehenden Informationen für die "Kollegen" momentan wichtig sind.
Auch die Betreiber der gängigen Suchmaschinen arbeiten an Verbesserungen. "In Zukunft muss die Suchmaschine erkennen, was der Suchende will", erklärt Jan Pedersen von der Suchfirma Overture. "Wer beispielsweise Winzip eingibt, braucht nicht lange Ergebnislisten, sondern eine konkrete Download- oder Dokumentationsseite." Effektiver wird das Internet aber erst, wenn es "semantisch" wird: Sinn und Ordnung sollen in den Informationsberg kommen. Das zumindest plant das Internationale World Wide Web Consortium (W3C), zuständig für Standards im Internet. Demnach soll der Inhalt einer Website mit Bedeutung versehen werden. Eine fünfstellige Zahlenfolge wäre dann eindeutig als Postleitzahl gekennzeichnet oder eine Buchstabenfolge als Familienname. Auf diese Weise lässt sich wesentlich gezielter nach bestimmten Fakten suchen als mit der heute üblichen Volltextsuche. Doch Software-Entwickler wollen nicht auf die W3C-Standards warten: Sie arbeiten bereits an Informationsfiltern, die Webseiten anhand grammatikalischer Regeln automatisch analysieren.
Jäger im Infodschungel
So gut das Filtern und Vereinfachen von Informationen eines Tages auch funktionieren mag: Möglicherweise steht dem die menschliche Psyche im Weg. Jeder Nutzer weiß schließlich, dass es "da draußen" noch mehr zu erfahren gibt, dass man etwas verpassen könnte. So ergab eine Umfrage des Glaskugel- Herstellers Ambient Devices, dass seine Kunden dreimal so häufig Online-Kurse abrufen, seit sie im Besitz der Kugel sind, und auch häufiger Aktien kaufen und verkaufen. Auch sind immer mehr Geschäfts- und Privatleute über ihren Desktop im Büro und unterwegs per PDA oder Handy "Always On", um keine E-Mail oder sonstige scheinbar wichtige Information zu verpassen.
"Mit dem Internet verbunden zu sein ist für viele wie ein Aufputschmittel", sagen die Psychologen Edward Hallowell und John Ratey von der Harvard-Universität. Sie nennen diesen Zustand Pseudo- Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (Pseudo-ADS), weil die Betroffenen auf der Jagd nach Information kaum mehr Zeit für Inhalte finden. Langfristige Projekte sind ihnen ein Graus, denn sie können sich kaum mehr auf nur eine Sache konzentrieren. Das senkt auch die Produktivität, so der Psychologe David Meyer von der Universität von Michigan. Vielleicht wäre in diesen Fällen ein Gerät das Richtige, das Ambient Devices neben der Kristallkugel im Angebot hat: ein Windrad neben dem PC, das sich immer schneller dreht, je mehr E-Mail sich im elektronischen Postfach stapelt. Im Sommer dürfte das so manchen Info-Junkie gehörig abkühlen.