Von L. Teßmer

An falscher Scham sind in Asien schon Projekte gescheitert: Wer dort mit Kunden nicht zum Karaoke geht, kann das Geschäft vergessen. Spezielle Trainings bereiten Deutsche auf solche Situationen vor.

Immer noch keine Antwort. Die als dringend gekennzeichnete E-Mail an den indischen Kollegen liegt schon mehrere Stunden zurück. Trotzdem hat der Mitarbeiter in Indien nicht geschlafen. Er hat die E-Mail trotz Vermerk einfach nicht als wichtig angesehen. Denn nur wer in Indien mehrfach mailt, hat ein wirklich eiliges Anliegen. Ein klassischer Fall von interkultureller Fehlkommunikation.

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Gutes Arbeitsklima: In Teilen Ostasiens wird im Kollegenkreis beim Karaoke ausgiebig mit Alkohol gefeiert. Wer sich ausschließt, verspielt wichtige Sympathiepunkte. (© Foto: Getty)

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Auch die indische Gepflogenheit, auf Fragen beim Arbeitsprozess stets mit einem "no problem" zu antworten, selbst wenn das nicht der Fall ist, führt immer wieder zu Konflikten. Besonders Expatriates - ins Ausland entsandte Mitarbeiter - haben mit solchen Missverständnissen zu kämpfen.

Denn die gleiche Sprache zu sprechen heißt nicht, dass man sich auch versteht. "Sprache transportiert immer kulturelle Bilder, die vom Gegenüber anders interpretiert und übersetzt werden können und so zu Missverständnissen führen", erklärt Prof. Dr. Jürgen Henze vom Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit Fragen der interkulturellen Kommunikation und Sensibilisierung.

Auch die Verpackung muss im Umgang mit den ausländischen Kollegen stimmen: E-Mails, die in drei Sätzen den technischen Sachverhalten beschreiben, kommen in manchen Kulturräumen Asiens nicht gut an. "Ohne ein paar persönliche Zeilen wird der Empfänger die Mitteilung nicht so verarbeiten, wie ich das eigentlich möchte", erklärt Henze.

Respekt verspielt

Auch der Aufbau von Vertrauen, das Entscheidungsverhalten oder die Verhandlungsführung unterliegen je nach Kulturraum eigenen Regeln. Ein Expatriate, der im Meeting mit chinesischen Kollegen schnell zur Sache kommt und seine Meinung mit Nachdruck präsentiert, setzt vielleicht seinen Willen durch - den Respekt seiner Kollegen hat er dadurch jedoch nicht gewonnen. Auch ist es in vielen Teilen Ostasiens üblich, während der Woche im Kollegenkreis ausgiebig mit Alkohol und Karaoke zu feiern, um eine Grundlage für gutes Arbeiten zu schaffen. Nimmt der Expatriate daran nicht teil, verspielt er wichtige Sympathiepunkte.

"Verhandlungen oder Konflikte sind klassische Situationen, in denen sich Sprache mit anderen Symbolen vermischt und die nur dann vernünftig gemeistert werden können, wenn die Beteiligten ein gewisses Vorverständnis haben," sagt Henze.

Sprachkurse reichen nicht

Doch nur wenige Unternehmen bereiten ihre Mitarbeiter gezielt auf einen Auslandseinsatz vor. Oft ist nur ein Sprachkurs möglich. Laut Henze ist das problematisch: "Werden Expatriates abgesehen von einer sprachlichen Vorbereitung alleine gelassen, gehen wahrscheinlich ihre Motivation und Energie verloren." Dabei können bereits ein- bis dreitägige interkulturelle Trainings helfen, Expatriates gezielt für solche Herausforderungenzu sensibilisieren und Orientierung für den (Büro-)Alltag zu geben.

Fettnäpfchen verhindern

"Ein interkulturelles Training hätte sicher geholfen, das ein oder andere Missverständnis zu vermeiden", sagt Michael Ciesielski, der seit 2006 für ein Großhandelsunternehmen in Hongkong arbeitetet - ohne vorher ein interkulturelles Training absolviert zu haben. Ihm selbst sind größere Schnitzer erspart geblieben, aber von seinen Kollegen kennt er genügend Beispiele: Sie überreichen die Visitenkarte nicht mit zwei Händen und verstoßen so gegen den guten Ton. Oder sie interpretieren die ruhige, ausweichende Art der chinesischen Kollegen in Diskussionen schnell als grundlegende Zustimmung.

Mittlerweile sind interkulturelle Trainings für alle seine Expatriate-Kollegen Pflicht. Ein sinnvoller Schritt, meint Ciesielski: "Das Feedback meiner Kollegen auf diese Trainings ist gut - einfach, weil es ihnen die Unsicherheit nimmt. So lassen sich Fettnäpfchen vermeiden."

Auf der nächsten Seite: Worauf Unternehmen bei der Auswahl interkultureller Trainings achten sollten.

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