Von Dagmar Deckstein

In der Krise reagieren viele Firmenchefs falsch. Managementfehler sind die häufigste Ursache für Insolvenz.

(SZ vom 15.7.2003) Fehler in der Chefetage muss meistens die Belegschaft eines Unternehmens ausbaden: Seit etwa einem Jahrzehnt gilt es als gesicherte Erkenntnis, dass die Hauptursache für Firmenpleiten Managementfehler sind. Über die Frage, warum das eine Unternehmen eine Krise übersteht, das andere aber nicht, gibt es inzwischen eine Fülle von Literatur und Studien.

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Aber vor allem, so heißt es in einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit dem Titel "Warum Firmen Pleite machen", ließen die ausgewerteten Daten den sicheren Schluss zu, "dass die Managementqualitäten im Unternehmen eine sehr wichtige, vielleicht sogar die entscheidende Rolle unter den Insolvenzgründen spielen". Oder, wie es der Insolvenzexperte und Wirtschaftsrechtsprofessor an der Fachhochschule Koblenz, Hans Haarmeyer, auf den Punkt bringt: "Der Pleitegeier nistet in den Chefetagen und nicht an der Drehbank."

Die KfW, die zu den größten Mittelstandsfinanziers hier zu Lande gehört, kommt in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass Insolvenzen nie auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind. Erst das Zusammentreffen mehrerer Faktoren - von der veralteten Produktpalette über eine zu geringe Eigenkapitalquote bis zur ungünstigen Konjunkturentwicklung - führe dazu, dass ein Unternehmen zahlungsunfähig wird.

Sehenden Auges in die Pleite

Oft ist das Management mangels kaufmännischen Fachwissens etwa mit dem Erkennen und Meistern von Krisen überfordert. Besonders deutlich zeigt sich das in mangelhafter Liquiditätsplanung, dem Fehlen von Frühwarnsystemen oder auch an der Orientierung an umsatz- statt ergebnisorientierten Vergütungssystemen.

Doch selbst wenn die Krise rechtzeitig erkannt wird, erschweren häufig ungünstige Kostenstrukturen, etwa ein hoher Fixkostenanteil und geringe Produktivität, dass schnell und wirksam gegengesteuert werden kann. Ein verbreitetes Mittelstandsproblem ist zudem, dass der Firmeninhaber nicht rechtzeitig einen Nachfolger bestellt. So können auch gesunde Unternehmen unaufhaltsam in die Krise steuern.

Dazu wissen Insolvenzverwalter von einer Vielzahl von Chefoptimisten zu berichten, die sämtliche Krisensymptome nach Kräften ignorieren und sehenden Auges in die Pleite rutschen. Oder von jenen Zögerern und Zauderern, die sich scheuen, schwer wiegende Einschnitte und Änderungen vorzunehmen. Aber sie kennen auch jene Chefhektiker, die in blinden Aktionismus verfallen, was sich im Ernstfall als genauso schädlich erweist, wie nichts zu tun. So lässt sich als Fazit aus mittlerweile Tausenden von Firmenpleiten festhalten: Das Managementverhalten ist ein Indikator für die Gefährdung eines Unternehmens.

310.000 Beschäftigte betroffen

Holzmann, Herlitz, Grundig, Fairchild Dornier, Babcock, Kirch Media - das waren die Unternehmenspleiten der Jahre 2002 und 2003, die das größte Aufsehen erregt haben. Doch das sind nur sechs von Tausenden von Insolvenzfällen, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform gezählt hat: 37.700 im Jahr 2002 und bereits 19.200 im ersten Halbjahr 2003, 4,6 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres.

310.000 Beschäftigte waren dieses Jahr bereits von der Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen. Der Bundesverband der Inkasso-Unternehmen (BDIU) geht davon aus, dass 2003 deutlich mehr als 40.000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten müssen. Gründe für die hohe Zahl von Firmenpleiten seien die schwache Konjunktur, die schlechte Zahlungsmoral der Kunden und hohe Schulden. Alles in allem sieht der BDIU 650.000 Jobs bedroht und rechnet den volkswirtschaftlichen Gesamtschaden auf 50 Milliarden Euro hoch.

Spiegel des Strukturwandels

Auf der einen Seite ist es in einer Marktwirtschaft ein ganz normaler Vorgang, dass Unternehmen verschwinden und dafür wieder neue gegründet werden. So machen Insolvenzen nur fünf bis zehn Prozent der so genannten Marktaustritte aus; die große Mehrheit der Unternehmen bleibt durch geräuschlose Geschäftsaufgabe, durch Verkauf oder Fusion auf der Strecke. Auf der anderen Seite aber sind nicht selten leistungsfähige und gesunde Unternehmen direkt oder indirekt betroffen, wenn durch Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung die letzte Rettung im Insolvenzverfahren liegt.

Obendrein weist die Zahl der Insolvenzen in Deutschland schon seit den neunziger Jahren steigende Tendenz auf, sowohl in absoluten Zahlen als auch im Verhältnis zu den bestehenden Unternehmen. Nach einer neuen Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung weisen das Baugewerbe, die Verkehrsdienstleistungen und das sonstige verarbeitende Gewerbe die höchsten Insolvenzraten auf. Dies spiegelt auch den wirtschaftlichen Strukturwandel wider.

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