Mehr Bedarf, weniger Studienanfänger: Das Interesse am Informatik-Studium ist in den vergangenen Jahren gesunken. Das stört die Branche, die wieder verstärkt Nachwuchs sucht.
Irgendwann in der Diskussion ums Informatik-Studium fällt unweigerlich das Wort vom "Schweinezyklus". Zugegeben, ein bisschen Sarkasmus steckt schon in der Verwendung des Begriffes. Aber was die Ökonomie anhand von Schweinebäuchen über die zeitverzögerten Schwankungen von Angebot und Nachfrage gelernt hat, passt ja auch prima auf den gemeinen Studenten, auch in der Informatik. Und schließlich dürfte dieser Zyklus in den letzten Jahren nirgends steiler in die Höhen und die Tiefen gegangen sein als in der IT-Branche.
Der ewige Schweinezyklus: Schlechte Nachrichten vom Arbeitsmarkt schrecken potenzielle Studienanfänger ab. Geht es den Firmen besser, fehlt der Nachwuchs. (© Foto: photodisc)
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Wenn morgen in Hannover die Cebit beginnt, die weltweit größte Leistungsschau der Informations- und Telekommunikationsindustrie, werden die Firmenstrategen ihre Wachstumsprognosen abgeben - und für Teilbereiche durchaus Bedarf an Arbeitskräften anmelden. Die Zeiten des großen Booms indes sind Geschichte. Das Auf und Ab haben auch die Münchner Hochschulen miterlebt.
Als der Internetboom vor etwa fünf Jahren seinen Höhepunkt erreichte, berichtet Manfred Broy, Professor für Software und System-Entwicklung an der Technischen Universität, drängten plötzlich rund 1000 Anfänger an die TU-Fakultät - ein Ansturm, den sie kaum bewältigen konnte. Die TU führte ein Eignungsfeststellungsverfahren ein; auch das drückte die Anfängerzahlen, senkte aber ebenfalls, so Broy, die hohe Abbrecherquote. Heute, nachdem die große Welle abgeflaut ist, schreiben sich etwa 500 Anfänger ein. "Jetzt könnten wir sogar ein paar mehr vertragen", meint Broy.
Eine ähnliche Kurve kann Martin Wirsing, Vorstand des Informatik-Instituts der Universität München (LMU), zeichnen. Dort hat sich die Zahl jetzt bei etwa 200 eingependelt. Auf ähnlich viele Anfänger kommt nach einer Talfahrt heute die Fachhochschule (FH) München, sagt der Informatiker Ulrich Möncke. Nur an der Universität der Bundeswehr ist die Zahl laut Dekan Ulf Roland Schmerl untypischerweise stetig auf derzeit etwa 100 gestiegen.
"Die Studentenzahlen gehen runter, wenn vom Markt negative Nachrichten kommen", sagt auch Stephan Pfisterer, Bildungsexperte beim Branchenverband Bitkom. Doch zwischen Studienentscheidung und Abschluss liegen nun einmal ein paar Jahre - die Studienzeit, in der sich der Markt schon wieder verändert haben kann. Beim klassischen Vorbild des Zyklus korrespondiert mit ihr weitgehend, nun ja, die Aufzucht der Schweine.
Jetzt machen die IT-Boomer ihren Abschluss, rechnet Pfisterer vor. Für 2006 sei die Spitzenzahl von bundesweit gut 15.000 Absolventen zu erwarten. Sie träfen aber auf einen "aufnahmefähigen Arbeitsmarkt". Während Bereiche wie Telekom-Infrastruktur oder IT-Hardware sich immer noch "im kontrollierten Sinkflug" befänden, seien Bereiche wie Software und IT-Dienstleistungen, klassische Arbeitsfelder für Informatiker, im Aufwind. Allein im Jahr 2005 seien dort 8000 neue Jobs entstanden, etwa für Anwendungen in der Autoindustrie oder Logistikunternehmen. Absolventen "mit vernünftiger Abschlussnote" und Praxiserfahrung fänden eine Stelle, "räumliche Mobilität vorausgesetzt".
Diese Einschätzung bestätigen auch die Hochschulen. "Nach gut qualifizierten Absolventen gibt es eine Nachfrage", sagt Wirsing. "Ich bekomme ständig Anfragen aus der Industrie", berichtet Broy. Die TU hat außerdem vor kurzem eine Umfrage unter ihren Ehemaligen gemacht. Danach stieg auch in den letzten Jahren fast die Hälfte der Absolventen nach dem Studium nahtlos ins Arbeitsleben ein, insgesamt knapp 95 Prozent hatten spätestens nach drei Monaten einen adäquaten Job gefunden. München sei der Software-Standort in Deutschland, sagt Broy, und viele Studenten knüpften schon während der Ausbildung in Praktika und Projekten Drähte zu ihren künftigen Arbeitgebern - ein Mechanismus, den auch Möncke für die FH hervorhebt.
Zwischen TU und LMU, sagen Broy und Wirsing, habe sich mittlerweile eine enge Zusammenarbeit entwickelt, der Studiengang Bioinformatik läuft gemeinsam, Studienleistungen erkennen die Hochschulen wechselseitig an. Thematisch sei eine Arbeitsteilung etabliert: Die TU-Informatik ist eher technisch ausgerichtet, die der LMU sucht den Rückbezug zu den Geisteswissenschaften, die TU bietet zusätzlich Wirtschaftsinformatik an, die LMU Medieninformatik.
"Das ist Bangalore"
Derzeit stellen alle Hochschulen ihre Angebote auf das System der angelsächsischen Abschlüsse Bachelor (BA) und Master (MA) um. Offen aber dürfte noch sein, in welchem Maß sich der BA nach drei Jahren tatsächlich als bereits berufsqualifizierender Abschluss durchsetzt, zumal der Markt laut Broy derzeit vor allem nach hochqualifizierten, mit soliden Grundlagen auch für Forschungstätigkeiten ausgebildete Absolventen verlangt. Einfachere Programmierarbeit etwa - "das ist Bangalore", sagt Wirsing, eine Aufgabe also prädestiniert für die Auslagerung ins Ausland.
Und während zum Beispiel die "TU 9", der Zusammenschluss von einflussreichen deutschen Technischen Universitäten, den - weitgehend forschungsorientierten - Master als Regelabschluss ansieht, glaubt Bitcom-Experte Pfisterer, dass die Mehrzahl der Informatik-Absolventen schon nach dem Bachelor Arbeit finden wird und womöglich lieber nach ein paar Jahren Berufstätigkeit noch ein Master-Studium draufsattelt. Dass die Informatik weiter zukunftsträchtig ist, da gibt sich Broy sicher: Es sei ihre Innovationskraft, die derzeit eine ganze Reihe Branchen veränderen, von der Luft- und Raumfahrttechnik bis hin zu Produktionsautomatisierung und Medizintechnik.
(SZ vom 8.3.2006)
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