Im Arbeitskampf Christiane Benner, die mächtigste Frau der IG Metall

Christiane Benner, 47, ist studierte Soziologin. Ende Oktober wurde sie mit 91,9 Prozent der Stimmen zur Vizechefin der IG Metall gewählt - als erste Frau jemals.

(Foto: Ramon Haindl)

"Unerschrocken trifft es gut": Die Spitzengewerkschafterin nimmt es mit den Alpha-Charakteren aus den Chefetagen auf und kämpft gegen die "Amazonisierung der Arbeitswelt".

Porträt von Alexandra Borchardt

Schulsprecherin war sie, natürlich, das hätte man sich denken können. Dieses Unerschrockene im Blick, die leichte Unruhe, die sie befällt, wenn sie irgendwo Ungerechtigkeit vermutet: Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich Christiane Benner auf dem Podium einer Aula vorzustellen, von dem aus sie den Schulleiter freundlich, aber deutlich in den Senkel stellt, die gestrichene Antifa-AG, das Fehlen von Fahrradständern oder sonst irgendetwas von dem anprangert, was es womöglich in ihrer Schulzeit in den 80er-Jahren zu bemängeln gab, am Goethe-Gymnasium im hessischen Bensheim war das.

Heute ist Christiane Benner, 47, die mächtigste Frau der IG Metall. Im Oktober wurde sie zur Vizechefin gewählt, übrigens mit einem leicht besseren Ergebnis als der Vorsitzende Jörg Hofmann. In vier Jahren könnte sie es ganz nach oben schaffen. War es ein gerader Weg dorthin? Geht so.

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Man darf nicht allzu viel Ehrfurcht haben vor den Alpha-Charakteren aus den Chefetagen

"Unerschrocken?", Benner denkt nach, aber nur Sekunden: "Das trifft es gut." Und das passt auch gut, weil man diese Eigenschaft in ihrer Position braucht, aus vielerlei Gründen. Denn natürlich darf man als Spitzengewerkschafterin keine Scheu davor haben, vor Tausenden von Leuten zu reden, die einen mögen, das ist das eine.

Man darf aber auch nicht allzu viel Ehrfurcht haben vor den Alpha-Charakteren aus den Chefetagen der deutschen Industrie, die einen womöglich nicht so arg mögen, das ist das zweite. Benner sitzt auch noch in den Aufsichtsräten von Bosch und BMW.

Das dritte aber braucht vielleicht eine noch größere Portion an Unerschrockenheit: als Leitfigur einer der größten Gewerkschaften der Welt dem digitalen Wandel nicht nur mutig entgegenzusehen, sondern ihn auch noch gestalten zu wollen - wie damals den Schulhof.

In der neuen Selfie-Welt ist sich der Einzelne zunehmend selbst der Nächste

Die Prognosen sind schlecht: Intelligente Roboter könnten einen Großteil heutiger Arbeitsplätze überflüssig machen, heißt es, Auftragsarbeit das feste Anstellungsverhältnis ablösen. Und hinzu kommt das Umfeld: In der neuen Selfie-Welt ist sich der Einzelne zunehmend selbst der Nächste, die Pflege des Facebook-Accounts oder der Whatsapp-Gruppen sind attraktiver als das Engagement in einer Massenorganisation wie einer Partei, Bürgerinitiative oder eben einer Gewerkschaft.

Wer da optimistisch bleibt, braucht womöglich eine Portion Naivität, könnte man sagen. Und wer Benner kennenlernt, in ihrer offenen, fröhlichen Art, die Antworten immer auf der idealistischen Seite, der mag ihr diese zunächst unterstellen.

Redet man allerdings öfter mit ihr, offenbart sich auch die nachdenkliche Benner. Die Bücher und Aufsätze zum Thema Arbeit verschlingt, die die feministische Theorie der Philosophin Judith Butler bewundert und die in diesem Sommer einen Experten aus dem Silicon Valley in eine Festanstellung nach Frankfurt gelockt hat, damit die Denke aus der Bay-Area auch im IG-Metall-Haus am Main ankommt.