Von Von Jeanne Rubner

Die Humboldt-Universität hat sich ihren Ruf wieder erkämpft, nun ist er wegen des Geldes in Gefahr.

Berlin sollte mit der Zeit die erste Sternwarte, die erste chemische Anstalt, den ersten botanischen Garten, die erste Schule für transzendente Mathematik haben." Das sagt kein SPD-Grande, der von einer repräsentativen und regierungsnahen Elite-Hochschule träumt. Gewünscht hatte sich dies einst Alexander von Humboldt. Und der Wunsch des Naturforschers sollte in Erfüllung gehe: An der (erst viel später nach ihm und seinem Bruder Wilhelm benannten) Hochschule lehrten und forschten mit Fichte, Hegel, Mommsen, Helmholtz, Virchow, Haber, Planck und vielen anderen Deutschlands berühmteste Wissenschaftler.

Anzeige

Das war im 19. Jahrhundert. Seitdem hat die "Mutter aller Universitäten" Höhen und Tiefen durchlebt - und steht heute dennoch wieder als potentielle Elite-Hochschule da. Wenn nur eine Bildungsstätte auserwählt würde, dann müsse es die HU sein, ist Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin überzeugt. "An Humboldt kommt niemand vorbei" urteilten auch Experten in der Zeit. Der Name, die Geschichte, das repräsentative Hauptgebäude Unter den Linden, die Nähe zur Macht und natürlich auch der hervorragende Ruf ihrer Wissenschaftler zeichnen die HU aus.

Ist sie deshalb eine Elite-Hochschule? HU-Präsident Jürgen Mlynek sitzt entspannt auf dem schwarzen Ledersofa im Hundert-Quadratmeter-Büro mit rotem Teppichboden und denkt lange nach. Über seinem Kopf hängt Alexander von Humboldt in Öl, daneben steht ein Torso. Als hemdsärmliger Physiker kann er mit dem Elite-Begriff wenig anfangen. Aber er sagt: "Wir sehen uns an der Spitze".

Das war nicht immer so. Bücherverbrennung, die Vertreibung jüdischer Gelehrter, schließlich die Zerstörung vieler Gebäude im Krieg setzten der einstigen Renommier-Hochschule Preußens zu. 1949 erhielt die "Friedrich-Wilhelm-Universität" den Namen Humboldts, nicht jedoch die Einheit und Unabhängigkeit von Forschung und Lehre, die Humboldt immer gefordert hatte. Die HU verkam zur Prestige-Lehranstalt der DDR, an der jedoch Nischen für unangepasste Forscher und ideologieferne Wissenschaft wie die Mathematik blieben.

Eins rechts, eins links

Mit der Wiedervereinigung wurde die HU nach Westzählweise die dritte Universität der Stadt. Als ahnte sie die neue Konkurrenz, plädierte vor allem die Freie Universität dafür, die Ost-Hochschule dicht zu machen. Doch der damalige Wissenschaftssenator Manfred Erhardt setzte sich für die HU ein. Hatte in Berlin früher die Berufungsregel "eins rechts, eins links" gegolten, wurden jetzt Professoren ausschließlich nach Qualität aussortiert und benannt. Mit einer intelligenten Formel - gleiche Maßstäbe, aber Berücksichtigung der systembedingten Benachteiligungen - sorgte Erhardt dafür, dass die verbliebenen Ost-Forscher sich nicht als Wissenschaftler zweiter Klasse degradiert fühlten.

So konnte trotz des Skandals um die Stasi-Vergangenheit des Nachwende-Rektors Heinrich Fink eine deutsch-deutsche Universität entstehen, die sich aus DDR-Zeiten ein gewisses Wir-Gefühl erhalten hat, wie der Philosoph Volker Gerhardt sagt. An West-Universitäten ist dieser Corpsgeist, moderner gesagt: Corporate Identity, mit 1968 verloren gegangen; hier hat er sich gehalten. Eine Elite-Hochschule lebt auch von den Studenten. HU-Professoren halten sie für außergewöhnlich. Nie habe er Studierende gehabt, die so viel arbeiteten, sagt Gerhardt, der an etlichen Universitäten gelehrt hat. Auch der Physiker Dieter Lüst preist seine "guten Studenten und Doktoranden", die von überall herkommen.

Dabei war die HU noch vor vier Jahren angeschlagen. Der zur Selbstherrlichkeit neigende Rektor Hans Meyer provozierte Neuwahlen, und um ein Haar wäre ein völlig unbekannter Informatiker an die Spitze gelangt. Doch dann wurde Mlynek gewählt, der Physiker aus Konstanz, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Autor zahlloser Veröffentlichungen, Inhaber etlicher Patente, inzwischen Mitglied im Innovationsrat des Kanzlers. Ein Macher, der fortan seine Kollegen anhielt, doch bitteschön mehr Drittmittel einzuwerben. Mit Erfolg: Im DFG-Ranking, das von der Organisation erhaltene Drittmittel zählt, konnte die HU sich von Platz 30 auf inzwischen neun vorarbeiten.

Mlynek will noch höher hinaus: Mindestens 15 Prozent mehr Drittmittel hält er für machbar. Er will Zentren gründen, eines für Alte Welt oder für Bildungsforschung, um die Stärken der HU zu bündeln. Dabei sitzt Mlynek auf einem Pulverfass. Von 380 Professuren müssen laut Senatsbeschluss 90 Stellen bis zum Jahr 2009 wegfallen, mehrere tausend Studienplätze gestrichen und 30 Millionen Euro eingespart werden. Die Giftliste zirkuliert seit September zwischen Hochschulleitung, Konzil und Kuratorium, am morgigen Dienstag soll sie endgültig beschlossen werden. Kaum vorstellbar, dass die Studenten sie protestlos hinnehmen.

Auch ohne Stellenkürzungen gärt es hinter der prunkvollen Fassade. Die HU ist überfüllt, viele Gebäude sind in desolatem Zustand, die Mensa gilt als vergammelt. "Ich schäme mich für die Lokalitäten", sagt Mlynek, der hier fast jeden Tag ausländische Gäste und heimische Politiker empfängt. Für den Bauunterhalt hat er 3,5 Millionen Euro jährlich zur Verfügung - eigentlich bräuchte er "das Zehnfache". Am gerade erst eröffneten Campus Adlershof im Südwesten der Stadt, wo die naturwissenschaftlichen Fächer residieren und mehr als 7000 Studenten lernen, fehlt noch die Mensa. Sie soll nun mit Spenden- und Sponsorengelder gebaut werden. Die im Fundraising durchaus bewanderte Vizepräsidentin Anne-Barbara Ischinger, übt sich in Optimismus. Doch sie hat nur eine kleine Truppe von Mitarbeitern. Wegen der DDR-Vergangenheit fehlen potente Alumni, und Berlin ist wahrlich nicht der Wirtschaftsstandort mit großen, spendablen Firmen.

Immer spannend

Die Finanzen werden zur schweren Hypothek für die HU. Geld ist zunehmend ein Thema bei Berufungsverhandlungen. "Die nicht konkurrenzfähige Ausstattung ist häufig ein Grund dafür, dass wir Absagen aus dem Ausland erhalten", sagt Mlynek. Doch den internationalen Ruf von Humboldt kann er nur halten, wenn er nur die Besten einwirbt. Hinzu kommt eine unberechenbare Politik des rot-roten Senats, dem niemand so recht traut, dass er seine Zusagen einhalten wird. Drei Kultursenatoren hat Mlynek in seiner dreieinhalbjährigen Amtszeit erlebt, und seit Peer Pasternak (PDS) im Oktober zurückgetreten ist, fehlt der Wissenschafts-Staatssekretär.

Wie lange noch wird also die HU unter den Top Ten sein? Mlynek lacht. Noch findet er, dass dies eine "tolle Uni" ist: die Geschichte in all ihrer Zerrissenheit, das intellektuelle Reizklima, die prominenten Gäste. "In Berlin ist jeder Tag spannend." Das reize zum Kampf. Aber, fügt er hinzu, "wir müssen aufpassen, dass die HU nach den Einsparungen nicht aussieht wie dieser Torso hier".

Leser empfehlen 

(SZ vom 26.1.2004)