Hochschulpolitik Ein Machtwort, das keines ist

Bundespräsident Horst Köhler stärkt den protestierenden Studenten mit seiner Kritik an der Bildungspolitik den Rücken. Einen Aspekt lässt er aber unerwähnt.

Von Tanjev Schultz

Bundespräsident Horst Köhler hat in ungewöhnlich scharfer Form die Studienbedingungen an den deutschen Hochschulen kritisiert und Bund und Länder aufgefordert, mehr Geld in Bildung zu investieren. Wie sich die Hochschulen entwickelten, sei ein "Lackmus-Test" für die Zukunftsfähigkeit des Landes, sagte Köhler am Mittwoch bei der 600-Jahr-Feier der Universität Leipzig. Die Hochschulen würden seit Jahren unter einer "chronischen Unterfinanzierung" leiden. Der Bundespräsident monierte schlechte Betreuungsquoten und marode Gebäude. Der Qualität der Lehre werde im Vergleich zur Forschung zu wenig Wert beigemessen. "Wir brauchen endlich eine Exzellenzinitiative für die Lehre", forderte Köhler.

Bildung muss zur Chefsache gemacht werden

In erster Linie seien die Bundesländer für die Hochschulen zuständig: "Vor allem sie müssen das Thema zur Chefsache machen und können die Verantwortung nicht einfach weiterreichen an die Hochschulen", sagte der Bundespräsident. Er trat der Idee entgegen, dass man die Studienreform mit den neuen Bachelor-Abschlüssen ohne zusätzliche Ausgaben zum Erfolg führen könne. Die Zahl der Professoren habe in den vergangenen Jahren nicht Schritt gehalten mit der wachsenden Zahl der Studenten: "Eine gute Betreuung ist so nicht möglich."

Mit seiner Rede im Paulinum der Universität Leipzig reagierte der Bundespräsident auf die seit Wochen andauernden Studentenproteste. In der kommenden Woche wollen Studenten ein Treffen der Kultusminister mit Demonstrationen begleiten. Studentenvertreter fühlten sich durch Köhlers Rede bestärkt. "Das ist ein Erfolg für uns", sagte Juliane Knörr vom Vorstand des Freien Zusammenschlusses der Studentenschaften. Die Probleme seien im Bewusstsein der Politiker angekommen. Die Studenten würden den Druck aber so lange aufrechterhalten, bis es konkrete Verbesserungen gebe, kündigte Knörr an.

Die Forderungen der Studenten sind weitgespannt und nicht einheitlich. Sie reichen von einer Abschaffung der Studiengebühren, mehr Mitbestimmung an den Hochschulen bis zu einer Überarbeitung der Bachelor-Studiengänge. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) forderte am Mittwoch zusätzliche Mittel für Mensen, Beratungsstellen und Wohnheime. DSW-Präsident Rolf Dobischat mahnte eine soziale Öffnung der Hochschulen an. Derzeit würden von 100 Kindern aus Akademiker-Familien 83 ein Studium beginnen, von 100 Kindern ohne akademische Tradition in der Familie aber nur 23. Bei der Jahresversammlung des DSW setzten sich die Delegierten für ein gebührenfreies Studium ein.

Nicht auf der Höhe der Zeit

Auf das Thema Gebühren ging Köhler in seiner Rede nicht ein. Die sogenannte Bologna-Reform mit Bachelor und Master stellte er im Grundsatz nicht in Frage, übte aber heftige Kritik an der Umsetzung: "Mit der Umsetzung sind wir nach zehn Jahren längst nicht da, wo wir sein sollten." Bei der Bologna-Reform wie überhaupt beim Thema Bildung sei "mehr Ehrgeiz" nötig. Der Bundespräsident äußerte Verständnis für Klagen von Studenten über ein zu enges Korsett von Prüfungen und Studienvorgaben. Im Studium müsse es die Freiheit und die Zeit geben, nicht nur Fakten und Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens zu lernen, sondern auch über das "Wozu" nachzudenken. Zwar hätten einige Fakultäten die Reformen ernsthaft und gut angepackt. Insgesamt müsse aber noch mehr getan werden, um "unser Hochschulwesen auf die Höhe der Zeit zu bringen".

Verantwortung der Wirtschaft

Köhler appellierte auch an die Wirtschaft, Verantwortung für die Bildung zu übernehmen. Die Unternehmen müssten sich öffnen für die Absolventen der neuen Studiengänge und ihnen mit Stipendien, fairen Praktika und Weiterbildungsangeboten helfen.

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, begrüßte Köhlers Rede. Die Mahnung des Staatsoberhaupts werde hoffentlich gehört, sagte sie. Wintermantel hatte ein Gipfeltreffen mit Studenten und Politikern gefordert, das nun laut Bundesbildungsministerium im April kommenden Jahres stattfinden soll.

Remmidemmi für die Bildung

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