Von Von Volker Breidecker

Schließen, Verschieben, Konzentrieren - und dann wird abgeräumt: Es trifft nicht nur die Orchideenfächer.

Diese Neuigkeit sollte sich jeder Hochschulangehörige über den Schreibtisch hängen: Zum ersten Mal wird Hochschulpolitik nicht mehr nach bildungspolitischen, sondern nach betriebswirtschaftlichen Kriterien gemacht. Drei spektakuläre Fälle allein der letzten Wochen - in Heidelberg, Marburg und in Frankfurt am Main - zeigen exemplarisch, wohin der Zug rollt: Als Bildungsstätten, die in ein ortsgebundenes Ensemble gewachsener Zusammenhänge eingebettet sind, soll es nach dem Willen der Hochschul-planer keine Universitäten mehr geben. An ihre Stelle treten gesichtslose Ausbildungsfabriken und ambulante Fertigungszentren. Zum beschleunigten Auswurf von Massenware genügen ihnen neutrale Standorte ohne intellektuelles und kulturelles Hinterland.

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Denkmal der Gebrüder Wilhelm und Jakob Grimm, Begründer der Germanistik und Sprachwissenschaft in Deutschland (© Foto: dpa)

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Es tröste sich ja keiner mit dem Gedanken, die Sache der Universität ließe sich dadurch retten, dass man das Überleben der kleinsten Fächer durch Konzentration und Zusammenfassung zu größeren Einheiten sichere. Von solchen Verschiebeaktionen in auswärtige Gewächshäuser, die einen Bruch mit den Traditionen selbst ältester Universitäten vollziehen, sind nicht nur kleine, sondern bereits große Fächer betroffen.

In Heidelberg steht die dort vor hundert Jahren von Max Weber begründete Schule der Nationalökonomie auf der Abschussliste: Nach den Plänen des Rektors Peter Hommelhoff sollte das Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften geschlossen und an die Betriebswirte der Mannheimer Nachbaruniversität verscherbelt werden. Im Austausch sollte Heidelberg dafür von Mannheim die Fächer Mathematik und Technische Informatik erhalten.

Mit dem Kuhhandel wollte der Rektor das naturwissenschaftliche Profil seiner Universität stärken - zu Lasten der Geisteswissenschaften, mit denen die Heidelberger Ökonomen im Bunde sind.

Abbruchreif

Im Sinne ihres Namengebers, des jüngeren Bruders von Max Weber, ist das weltweit renommierte Alfred-Weber-Institut interdisziplinär ausgerichtet und behauptet gegenüber den wirtschaftsinformatischen Hauptströmungen des Fachs sein eigenes Profil. Die Betriebswirtschaft war in Heidelberg bislang eine Unterabteilung der Wirtschaftswissenschaften, nicht aber deren Leitwissenschaft.

Unter dem Eindruck der Proteste gegen ähnliche Verschiebeaktionen im Nachbarland Hessen (SZ vom 10., 15., 17. und 21. Juni 2005), die in ihrer Blindheit für gewachsene Strukturen dem Heidelberger Rektorenstreich in nichts nachstehen, hat der Akademische Senat dem Plan eine deutliche Absage erteilt. Das Votum hat zwar keine bindende Kraft, doch hat der Universitätsrat den Schließungsplan zurückgenommen. Der Schaden ist aber angerichtet, denn zugleich wurde verfügt, dass das Institut keine neu immatrikulierten Studenten mehr aufnehmen darf und "umstrukturiert", sprich verkleinert werden soll.

Wenn sogar große sozialwissenschaftliche Fächer für abbruchreif erklärt werden, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis zum Beispiel auch den großen Philologien ähnliches widerfährt wie einigen kleineren Fächern gegenwärtig im Lande Hessen.

Erst der öffentliche Streit um die geplante Schließung der Judaistik an der Frankfurter Universität ließ zum Politikum werden, was schon seit langem darauf wartet, als solches auch wahrgenommen zu werden: Hier wurde deutlich, dass die Zerschlagung gewachsener Strukturen, mit denen ein Fach vor Ort sowohl mit seinen Nachbardisziplinen als auch mit außeruniversitären Einrichtungen verbunden ist, das Netz zerreißt, mit dem die Universität als Ganzes in das soziale und kulturelle Umfeld ihrer Städte eingebunden ist. Die Geschichts- und Traditionsblindheit, die den hessischen Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) dazu veranlasst haben, ausgerechnet die Judaistik aus Frankfurt in ein andernorts - in Marburg - neu zu erschaffendes Wüstengebiet namens "Zentrum für Orientforschung" abzuschieben, ließe sich in der Stadt mit Deutschlands zweitgrößter jüdischer Gemeinde noch revidieren.

Schlimmer und symptomatischer für den traurigen Gesamtbefund zur Lage der Universitäten aber ist, dass dergleichen Zusammenhänge den Planern - hessisch gesagt - "wurscht" sind.

In asiatische Winde zerstreut

Nicht minder töricht als der hessische Orientplan ist das gleichzeitige Projekt eines in Gießen ebenfalls ex nihilo neu zu schaffenden "Zentrums für Osteuropaforschung". Dessentwegen sollen nicht nur die Fächer Slawistik und osteuropäische Geschichte von Main und Lahn abgezogen werden, sondern soll auch das in Marburg tatsächlich vorhandene, weil über Jahrzehnte gewachsene Mekka historischer wie philologischer Osteuropaforschung aufgegeben werden: Die Stadt, in der einst Michail Lomonosov, der Gründer der Moskauer Universität studierte, beherbergt als gleichsam natürliche Anlaufstelle für Ost- und Mittelosteuropaforscher aus aller Welt nicht nur das renommierte außeruniversitäre Herder-Institut, sondern verfügt auch über eine reichhaltige Bibliotheks- und Archivlandschaft mit großen Beständen und raren Quellensammlungen. Gießen hat an vorhandenen Infrastrukturen nichts annähernd Gleichwertiges anzubieten.

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