Von Von Jeanne Rubner

Deutschlands private Hochschulen sind keine Elite-Universitäten.

"Hier", rufen sie, die Hochschulen. Hier, wir sind die Elite. Besonders die Privaten feiern sich und werden gefeiert. Business Schools, Auto-Unis, International Universities sind Leuchttürme im tristen Ozean der nivellierten Hochschulen, die Diamanten in der Kohlegrube. Privat heißt frei vom Klammergriff des Staates, bedeutet Zugriff auf die besten Studenten. Privat, das riecht nach Harvard, Stanford und Yale, nach der neuen, besseren Welt. Doch sind diese Privaten tatsächlich jene Brutstätten für die Elite, die sich Politik und Unternehmen ersehnen, sind sie der Motor für Innovationen, die Deutschlands kranke Wirtschaft heilen sollen? Kann eine Eliteuniversität, wie die Arbeitgeber bereits gefordert haben, nur privat sein? Liegt die glänzende Bildungszukunft des Landes gar in nicht-staatlichen Hochschulen?

Studentin

Lernanstalt oder Denkfabrik? Viele private Unis lernen nur ein Fach: BWL. (© Foto: AP)

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Zum privaten Kreis gehören heute etwa 50 Hochschulen. Sie Universitäten zu nennen, grenzt schon an maßlose Übertreibung, denn die meisten lehren gerade einmal das Fach Betriebswirtschaft. Mit Sicherheit können sich die handverlesenen Studenten dort eine ordentliche Ausbildung kaufen: kleine Seminare, Auslandspraktika, Bibliotheken, wo man nach 19 Uhr noch in Büchern blättern kann, Professoren, die auch antworten, wenn man an ihre Tür klopft. Doch als Forschungsstätten, als Denkfabriken haben sie sich bislang nicht hervorgetan - dabei ist das wohl eines der Ziele der ansonsten sehr vagen SPD-Offensive.

Nur zwei private Hochschulen heben sich von den Wirtschaftsschulen ab: Witten-Herdecke und die International University Bremen. Beide werden häufig als Eliteuniversität genannt, mit einem gewissen Aufatmen: Seht her, wir haben doch etwas vorzuweisen.

Viel Elan statt großer Namen

Drei Kriterien erfüllt jede Spitzenuniversität in den USA: ausgewählte Studenten, Professoren, die sich ihr Renommee durch Forschung erworben haben sowie ein üppiges finanzielles Polster, das es erlaubt, die Besten einzustellen. So bemerkenswert die deutschen Experimente Witten und Bremen auch sein mögen, die notwendigen Voraussetzungen für eine Eliteuniversität erfüllen sie nicht.

Nummer eins - die Studenten - ist dabei noch das geringste Problem. Aufnahmeverfahren garantieren, dass motivierte, hervorragende junge Leute in den Hörsälen sitzen. Wer nur aus Verlegenheit heraus ein Studium beginnt, hat keine Chance in Witten oder Bremen, wo man erwartet, dass Kandidaten die richtige Mischung aus einer klaren Vision und breitem Interesse mitbringen.

Doch schon bei Nummer zwei - Professoren und Forschung - glänzen die Privaten nicht mehr. Witten bietet mit Medizin, Ökonomie und Biochemie ohnehin ein sehr begrenztes Fächerspektrum an, was eine interessante Forschung erschwert. Sowohl der Wissenschaftsrat als auch der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft haben Witten Schwächen in der Forschung vorgeworfen. Für Bremen verbietet sich ein Urteil, dafür ist die Universität mit gerade einmal zweieinhalb Jahren Lehrbetrieb noch zu jung. Doch auch dort ist es bisher nicht gelungen, große Namen einzuwerben, die den Ruf einer Forschungsuniversität ausmachen. Die Strategie, stattdessen junge Forscher ohne feste Stellen, aber mit viel Elan zu holen, kann aufgehen, muss aber nicht.

Bettelarme Bewerber

An Punkt drei, dem Geld, hängt derzeit das Schicksal von Bremen und das von Witten seit dessen Gründung vor über zwanzig Jahren. Immer wieder am Rande der Pleite, ist Witten langfristig finanziell nicht abgesichert. Das Schicksal der Hochschule ist eng mit ihrem visionären Gründer Konrad Schily verknüpft, aber wer soll ihn beerben? Auch Bremens Lenker müssen um Geld bangen. Die Unternehmen, sonst um das Wort Eliteförderung nicht verlegen, scheuen Investitionen und Spenden. Und das von den USA abgeschaute "need-blind"-Auswahlverfahren, das Studenten unabhängig von ihren Finanzen aufnimmt, funktioniert zwar in einer Hochschule, wo das Stiftungsvermögen in Milliarden gezählt wird, nicht aber in Bremen, wo sich jetzt begabte, doch bettelarme Osteuropäer in Scharen bewerben.

Die Privaten hat man als Stachel im Fleisch des staatlichen Dirigismus gefeiert, und es ist gut und richtig, dass es sie gibt. Deutschland braucht, auch bei den Schulen, viel mehr private Einrichtungen, denn sie sind immer reformfreudiger als das staatliche Establishment. Ein schneller Ersatz für Eliteuniversitäten sind die Privaten aber nicht und werden es auf absehbare Zeit nicht sein. Harvard hat Jahrhunderte gebraucht, um sich seinen Ruf zu erarbeiten. In Stanford, vor dem Krieg noch eine Provinzuni, hat sich der Ruhm zwar schneller eingestellt. Doch dafür brauchte es viel Geld und die räumliche Nähe zum spendablen Computergiganten Hewlett Packard.

Deutschlands Bildungsbetrieb ist fest in staatlicher Hand - und auf diese Tradition müssen Politik und Wirtschaft setzen. Schließlich waren es Universitäten wie Heidelberg, Tübingen und Berlin, welche einst den Ruf der Forschernation ausmachten. Deutschland hat zunächst seine besten Wissenschaftler vertrieben. Später hat man nicht genug für sie getan, sie stattdessen mit bürokratischen Vorschriften traktiert und mit einem Studentenberg konfrontiert. Jetzt müssen vor allem die klugen Köpfe, Studenten und Professoren, pfleglicher behandelt werden. Nur Klasse zieht Klasse an, das gilt an privaten wie an öffentlichen Hochschulen.

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(SZ vom 16.1.2004)