Von Von Britta Mersch

Wie Wissenschaftler lernen, sich besser zu präsentieren.

"Bitte begrüßen Sie sich mal!" Theaterregisseur Jochen Biganzoli sitzt auf der Vorderkante eines Stuhls, seine Hände sind auf die Knie gestützt, er wartet ab. Und beobachtet zwei Mittdreißiger im Hörsaal, die schließlich aufstehen, unsicher aufeinander zugehen, sich die Hand geben und dann schnell wieder Platz nehmen. Die nächsten beiden verbeugen sich beinahe voreinander, dann kommen welche, die sich eher voneinander abwenden. "Es ist wunderbar zu sehen, wie unterschiedlich sich Menschen begrüßen", sagt Biganzoli: "Der erste Eindruck ist damit schon gemacht, und in einem nachfolgenden Gespräch kann man es dann ganz schön schwer haben."

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Die Übung ist Teil eines Seminars an der Universität Bremen. Mit ihr zeigt der Theaterregisseur Juniorprofessoren und anderen Nachwuchsakademikern, wie sie auf andere Menschen wirken. Daneben werden Selbstpräsentation und der Vortragstechnik geschult. Für die Teilnehmer hat Biganzoli manche Überraschung parat: "Viele glauben, dass es locker und souverän wirkt, wenn sie sich bei einem Vortrag viel bewegen", sagt der Regisseur: "Dabei kommt dann nur eine unglaubliche Unruhe rüber." Weniger ist hier also mehr. "Das kann man aber trainieren", sagt Biganzoli, "sehen Sie sich Politiker, Moderatoren oder Kabarettisten an, die üben jeden Schritt und jede Handbewegung."

Dass Professoren das nun auch üben, ist neu. Gerade junge Wissenschaftler lassen sich von dem Regisseur schulen, der schon den Auftritt von Architekten, Managern und Personalvorständen auf Vordermann gebracht hat. Die Juniorprofessoren freuen sich auf die Tipps vom Profi: "Alle machen Fehler", sagt etwa Computerlinguist Stefan Müller, "nur welche das sind, wissen wir oft nicht. Da ist der Blick von außen hilfreich!"

Noch nehmen längst nicht alle Lehrenden die Hilfsangebote so bereitwillig an. Schließlich komme es ja nicht auf die Art der Darbietung an, sondern auf den Inhalt, lautet das Standardargument, mit dem nicht nur Professoren älteren Semesters Kurse wie die von Biganzoli ablehnen. Dabei herrscht schon lange Schulungsbedarf: "Seitdem es Universitäten gibt, wird darüber diskutiert, dass nicht alle Professoren das bringen, was von ihnen erwartet wird," sagt Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV). Selbst die eher konservativ ausgerichtete Interessensvertretung der Universitätsprofessoren begrüßt daher die Präsentations- und Rhetorikkurse als Bausteine, die die Vorbereitung des akademischen Nachwuchses auf seine Arbeit verbessern. "Wir brauchen nicht nur exzellente Studierende", fordert Kempen, "sondern auch exzellente Lehrende."

Entsprechende Angebote gibt es längst. Der DHV selber etwa bietet zweitägige Rhetorikkurse an, an der Technischen Universität München können ausgewählte Wissenschaftler sogar zwei Jahre lang Intensivkurse in Rhetorik und Kommunikation belegen. Die Geographin Ilse Helbrecht hat während ihrer Habilitation in München an dem Programm teilgenommen, als Professorin in Bremen profitiert sie nun in mehrfacher Weise davon: "Das ist in der Lehre hilfreich, in der Präsentation nach außen, aber auch bei der Beratung von Studenten und der Führung von Mitarbeitern."

Nicht alle Hochschulen können sich den Zusatzunterricht allerdings leisten, die Kosten sind hoch. Das Land Bayern etwa steckt 900.000 Euro in ein dreijähriges Förderprogramm. Auch die Arbeit mit professionellen Trainern ist vielen Hochschulen zu teuer. "Dass wir einen Theaterregisseur engagieren, ist unüblich", bestätigt Martin Mehrtens, Personalentwickler an der Uni Bremen: "Doch die Juniorprofessoren sollen nicht nur in der Lehre glänzen, sondern auch Ideen bei Förderern und Kooperationspartnern vermitteln - und auch das wird hier geschult."

Für manche Teilnehmer ist ein anderer Effekt freilich viel größer: Sie lernen, sich auch Schwächen einzugestehen. So wie ein Juniorprofessor in Bremen, der zunächst geschockt war, als seine Kollegen ihm vorhielten: "Streck doch deinen Bauch nicht so heraus, du hast doch eigentlich gar keinen." Im kleinen Kreis gab er später zu: "Ich wusste gar nicht, dass ich in meiner typischen Vortragshaltung so komisch wirke."

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(SZ vom 17.1.2005)