Hochschule: Fächerwahl Nischen ins Nichts

Spezialisierung ist gut. Aber für Studenten werden ausgefallene Uni-Abschlüsse mitunter zur Sackgasse. Wenn die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen, führt das ins berufliche Abseits.

Von Florian Meyer

Viel Unerwartetes steckt in einem Studium - neue Freunde, ein neues Umfeld, neue Ideen. "Ein Student ist ein Zustand mit ungewisser Erfüllung", brachte es der Soziologe Dietrich Goldschmidt auf den Punkt. Gemeint hatte er die Wirrungen während des Studiums. Doch die Ungewissheit beginnt heute bereits vor Semesterbeginn, bei der Wahl des Fachs. Denn die Vielfalt ist kaum noch zu überblicken.

Zu wenig Platz für Allgemeinbildung und wissenschaftliche Grundlagen: Ein Student in Jena sitzt während des jüngsten Bildungsstreiks inmitten von Stuhlbarrikaden.

(Foto: Foto: AP)

Einen Bachelor in "Bioenergie" bietet die Hochschule Rottenburg, einen Abschluss in "Ecological Impact Assessment" die Uni Koblenz-Landau, andere Hochschulen werben mit "Pferdewissenschaften", "Alphabetisierung und Grundbildung" oder "Anleitung und Mentoring in Gesundheitsberufen".

Was nach Wahlmodulen oder Zusatzkursen klingt, sind in Wirklichkeit vollwertige Studiengänge. Die ausgefallenen Abschlüsse liegen im Trend. Hochschulen erfinden neue Fächer und zerlegen ihre ehemaligen Magister- und Diplomstudiengänge in Bachelor- und Master-Programme. Die Hochschullandschaft differenziert sich immer weiter aus - nicht selten zum Nachteil der Studenten.

Einige der neuen Nischenfächer können zu Sackgassen werden: Wissenschaftliche Grundlagen werden in spezialisierten Studiengängen oft nur unzureichend gelehrt. Vorbei sind die Zeiten, in denen Akademiker als Generalisten auf Stellensuche gingen. Als Fachidioten geraten sie schnell ins Abseits. In ihrem Hochschulkompass listet die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) etwa 9000 grundständige Studiengänge auf. Das sind vor allem Bachelor-, einige Diplom- und Magisterangebote sowie Lehramtsstudiengänge, von "Abfallwirtschaft und Altlasten" an der Dresdner TU, "Afrikanischer Philologie" in Mainz bis "Zither" an der Hochschule für Musik und Theater in München (mit dem Abschluss Diplom-Musiklehrer).

Mehr als 4550 Einträge gibt es zusätzlich für Master-Angebote, Tendenz steigend. Es sehe so aus, als gebe es immer mehr spezialisierte Studiengänge, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat, "verlässliche Studien liegen bisher jedoch noch nicht vor".

Ausgefallene Abschlüse erwünscht

Beim Master sind ausgefallene Abschlüsse durchaus gewünscht; die Studenten sollen damit einzigartige Qualifikationen erwerben. Den Grad der Ausdifferenzierung der einzelnen Fächer regelt der Markt: Wenn ein Master-Programm keine Studenten anzieht, muss die Hochschule es umbauen oder einstellen.

Doch die Spezialisierung betrifft auch viele Bachelor-Abschlüsse und damit Studiengänge, die eigentlich Basiswissen vermitteln sollen, über das beispielsweise jeder Ingenieur oder Naturwissenschaftler verfügen muss. Diese Entwicklung sei fragwürdig, sagt Francis Hugenroth vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Wer sich bereits im Bachelor in ein Fach wie "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" oder "Ressortjournalismus" einarbeitet, wird später nur schwer eine neue Richtung einschlagen können.

Problem erkannt

Die Hochschulen hätten das Problem bereits erkannt, sagt HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. Anfangs habe es tatsächlich eine Tendenz zur Spezialisierung im Bachelor gegeben. Das habe aber wieder abgenommen; mittlerweile seien nur noch etwa zehn Prozent aller Bachelor-Programme "stark spezialisiert". Wintermantel betont, dass ein breites Basiswissen auch dafür notwendig ist, den Studienort oder das Fach wechseln zu können.

Nicht nur die neuen Abschlüsse sind für stark spezialisierte Angebote verantwortlich. Viele Hochschulen wollen sich mit neuartigen Fächern auch von den anderen Unis abheben, und manche Professoren versuchen, ihr Steckenpferd zu pflegen, indem sie ihr Spezialgebiet gleich zu einem ganzen Studiengang ausbauen. An den Fachhochschulen gibt es noch einen weiteren Grund für den Nischen-Bachelor: Zuerst entwarfen die Studienplaner stark spezialisierte Master - anschließend richteten sie den Bachelor an dessen Anforderungen aus.

Verwirrung vor dem Studium

Das Nachsehen haben die Studenten. Die Bezeichnungen der ausgefallenen Studiengänge sind in vielen Fällen verwirrend, sie lassen kaum erkennen, welche Inhalte in einem Fach vermittelt werden. Sinnvoll wären möglichst einheitliche Bezeichnungen für gleiche Inhalte, sagt Annette Schmidtmann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Derzeit muss man oft schon ein Experte sein, bevor man sein Studium beginnt, um die Besonderheiten eines Studiengangs einordnen zu können.

Wie sich Bachelor-Studiengänge auf ein breites Fundament stellen lassen, zeigt die Leuphana-Universität in Lüneburg. Seit dem Wintersemester 2007 bietet die Hochschule den Bachelor in einem neuen, vernetzten Studiensystem an: Die Studenten wählen ein Haupt- und ein Nebenfach aus zehn sogenannten Majors und 26 Minors, die frei miteinander kombinierbar sind. Unabhängig vom Studienschwerpunkt absolvieren alle das erste Semester gemeinsam. In grundlegenden Kursen über Statistik, Verantwortung der Wissenschaft oder Recht sollen die Studenten fächerübergreifend wissenschaftliches Arbeiten lernen. Erst im zweiten Semester belegen sie Kurse in ihren jeweiligen Fachbereichen.

Der erste Schritt in die eigene Forschung

Die Ausbildung in den Hauptfächern wird begleitet von einem Komplementärstudium, das keine Überschneidungen mit dem Hauptfach haben soll: Ein Kulturwissenschaftler kann eine Naturwissenschaft belegen, ein Informatiker eine Sozialwissenschaft. Der Leuphana-Bachelor soll so "Lern- und Anschlussfähigkeit" vermitteln und auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereiten, sagt Lüneburgs Uni-Präsident Sascha Spoun. "Ein enger Bachelor gibt ein enges Berufsbild vor. Aber wer sagt, dass der Arbeitsmarkt so bleibt, wie er gerade ist?"

Der Blick über den Tellerrand sei eine gute Voraussetzung für das wissenschftiche Arbeiten, sagt Annette Schmidtmann von der DFG. "Neuland zu betreten, ist der erste Schritt in die eigene Forschung."