Ein Kommentar von Markus C. Schulte von Drach

Wenn Hochschulen aus Geldmangel Hörsäle an Unternehmen verkaufen, gefährden sie ihr höchstes Gut: ihre wissenschaftliche Objektivität.

An den Mercedes-Stern auf dem Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft hat man sich schon gewöhnt. Seit er hoch oben auf dem Firmen-Gebäude in der bayerischen Hauptstadt strahlt, ist er zudem zum neuen Wahrzeichen der Stadt München geworden. Auch dass Fußballstadien Allianz- oder AOL-Arenen heißen, findet niemand mehr bemerkenswert.

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Der öffentliche Raum besteht zu einem guten Teil aus Werbung. Wir haben uns damit abgefunden. Bestenfalls hoffen wir auf ausreichende Widerstandskraft gegenüber den Verführungs- und Manipulationsversuchen derjenigen, die uns etwas verkaufen wollen. Solange Werbung in einem Umfeld gemacht wird, in dem auch Handel und Konsum stattfinden, ist im Prinzip nichts dagegen zu sagen.

Bedenklich wird es jedoch, wenn Unternehmen sich dort einkaufen und Werbung machen dürfen, wo Menschen vor allem eines erwarten: Objektivität. Daher ist es im höchsten Maße fragwürdig, wenn an Hochschulen Werbung durch die Hintertür Einzug hält. Wissenschaft und Forschung sollen dort stattfinden. Studierende sollen mit den bislang gewonnenen Erkenntnissen vertraut gemacht werden und die Methoden des objektiven Erkenntnisgewinnes erlernen.

Wer zahlt, bestimmmt

Bereits die heute gängige Praxis, dass Forscher neue Erkenntnisse gewinnen, indem sie ihre Arbeit über Drittmittel mitfinanzieren, ist fragwürdig. Es ist naiv zu glauben, dass es sich dabei immer nur um reine Geldgeschenke der Industrie handelt.

Und es ist ein frommer Wunsch, dass Wissenschaftler, die zugleich im Sold der Universität UND privatwirtschaftlicher Firmen stehen, ihre Forschungsinteressen völlig unabhängig von ihren Geldquellen auswählen.

Bekannt ist zum Beispiel, dass Pharmaunternehmen Einfluss darauf nehmen, wie Forscher an Universitäten, die Geld von ihnen erhalten, Studienergebnisse veröffentlichen - oder ob unerwünschte Daten überhaupt bekannt gemacht werden. Nicht von ungefähr fordern Fachmagazine inzwischen, dass sämtliche an einer Studie beteiligten Wissenschaftler ihre finanzielle Unterstützung durch Wirtschaftsunternehmen mit veröffentlichen müssen.

Fatale Wirkung

Doch statt dieses - leider berechtigte - Misstrauen abzubauen, beginnen die deutschen Hochschulen nun sich selbst zu verkaufen. Sie benennen ihre Hörsäle nach großen Unternehmen und die Bremer Hochschule "International University Bremen" soll in Zukunft gar "Jacobs University" heißen - den Titel hat sich die Jacobs-Stiftung durch eine Großspende erkauft.

Es mag ja sein, dass die Jacobs-Stiftung sich mit lobenswertem Einsatz weltweit in der Bildung und Jugendentwicklung engagiert und sicher werden sich die Bremer Studenten auch nicht verpflichten müssen, in Zukunft nur noch Kaffee dieses Unternehmens zu trinken.

Der Eindruck, der entsteht, ist jedoch fatal. Wenn heute schon geglaubt wird, dass Wissenschaftler sowieso nur das verkünden, was ihre Finanziers sich wünschen, wird es in Zukunft heißen, dass Großunternehmen sogar schon ganze Universitäten in der Tasche haben.

Wer an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt in einem Aldi-Süd-Hörsaal sitzt, um eine Vorlesung in Wirtschaftswissenschaften zu verfolgen, der hört vielleicht dieselben Worte wie in einem John-Maynard-Keyne-Saal.

Aber es gibt zwei Botschaften, die ein Lehrstuhl - oder gar eine Universität - mit einem Firmen-Namen vermittelt:

Erstens an die Studierenden: In Deutschland sind wissenschaftliche Forschung und Lehre ein Stiefkind. (Denn es ist ja Geldmangel, der dazu führt, dass Ausbildungsräume in Werbeflächen verwandelt werden.) Eurer Studium - und damit Eure Arbeit - ist dem Staat nicht viel wert.

Zweitens an die Öffentlichkeit: Die Universitätsleitungen sind bereit, den Ruf der Hochschulen als Hort der Objektivität weiter zu beschädigen, um ihre finanziellen Löcher zu stopfen. Objektivität ist demnach weniger Wert als Geld.

Gerade heute wäre es besser, Universitäten und Hörsäle nach bedeutenden Wissenschaftlern zu benennen und damit zu signalisieren, dass es um die Vermittlung von Erkenntnissen geht, zu dem Frauen und Männer wie Marie Curie oder Charles Darwin beigetragen haben.

Natürlich lässt sich nicht bestreiten, dass Forschung und Lehre in Deutschland unter argen Finanzproblemen leiden. Hier sind Bund und Länder in der Pflicht. SIE müssen verhindern, dass Universitäten und Fachhochschulen in einem solchen Ausmaß von den Geldern der Industrie abhängig werden, dass sie jetzt bereits ihre Namen verkaufen.

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(sueddeutsche.de)