Hochbegabung Zahlreiche Hochbegabte weisen einen krummen Lebenslauf auf

So wundert es nicht, dass zahlreiche Hochbegabte einen krummen Lebenslauf vorzuweisen haben. Viele lernen auf dem zweiten Bildungsweg, haben mehrere Berufe ausprobiert oder satteln in der Lebensmitte noch einmal komplett um. Manche erkennen ihre Hochbegabung erst spät.

"Sie blicken dann mit einer Mischung aus Wehmut, Hoffnung und Aufbruch auf ihr Leben", sagt Dorothea Schlegel-Hentrich, Leiterin des Instituts für Hochbegabtencoaching in Bad Homburg. Oft mische sich auch Wut hinein. Auch Werner hat erst mit 39 Jahren von seiner besonderen Begabung erfahren, da war er schon lange an einer Depression erkrankt. "Ich empfinde Bedauern und Zorn, dass meine Hochbegabung nicht früher erkannt worden ist."

130

oder mehr beträgt der Intelligenzquotient von Hochbegabten nach gängiger Definition. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind hochbegabt, bei 81 Millionen Einwohnern in Deutschland sind das rund 1,6 Millionen. Die meisten von ihnen kommen gut durchs Leben. "Viele wissen gar nicht, dass sie hochbegabt sind. Andere kennen ihr Potenzial, haben aber im Beruf keinerlei Probleme", sagt der Psychologe Heinz-Detlef Scheer. Tatsächlich sind nach dem Marburger Hochbegabtenprojekt, einer 1987 an der Uni Marburg begonnenen Studie, nur etwa ein Sechstel der Hochbegabten sogenannte Minderleister. Sie widersprechen damit dem Bild, das die Gesellschaft gemeinhin von Hochbegabten hat: hochmotivierte Spezialisten, die jede berufliche Hürde mühelos nehmen, sich in den Führungsetagen großer Unternehmen tummeln oder in der Wissenschaft Herausragendes zuwege bringen.

"Anderssein wird oft als störend wahrgenommen, nicht als bereichernd"

Mäandernde Lebensläufe waren vielen Personalern noch vor Jahren ein Graus. "Inzwischen hat sich aber einiges getan", sagt Schlegel-Hentrich. Glatte Biografien seien nicht mehr so wichtig. Dennoch seien hochbegabte Mitarbeiter eine Herausforderung für Unternehmen. "Anderssein wird leider oft als störend wahrgenommen, nicht als bereichernd, unangepasstes Verhalten sorgt häufig für Irritation.

Das zeigt auch eine Studie der Universität Bochum von 2013. Sie geht der Frage nach, ob sich Hochbegabte im Berufsleben von anderen Mitarbeitern unterscheiden. Die Forscher kamen zu erstaunlichen Ergebnissen: "Die Gestaltungsmotivation hochbegabter Erwachsener ist höher ausgeprägt als die anderer Mitarbeiter, ihre Führungsmotivation aber gleichzeitig gering", sagt Scheer. Er ist einer der Mitverfasser der Studie. "So wie sich hochbegabte Mitarbeiter verhalten, denken alle, die wollen Karriere machen. Sie wollen aber nur arbeiten." Das sei eines der großen Missverständnisse von Kollegen und Vorgesetzten im Umgang mit Hochbegabten.