Groß*: An unserer Schule haben wir das Problem im Griff. Rangeleien gab es schon immer und an allen Schulformen. Nach 35 Jahren im Schuldienst beobachte ich aber, dass es heute viel brutaler zugeht als früher. Wenn es knallt, dann richtig und so, dass auch mal Blut fließt. Was Drogen angeht, sind wir vor allem über Alkohol besorgt - nicht im Unterricht, aber in der Freizeit. Frage ich meine Schüler freitags, was sie am Wochenende machen, heißt es: "Saufen." Was anderes unternehmen viele gar nicht. Am Montag kommen sie dann verkatert in den Unterricht - wenn sie überhaupt kommen. Wenn die Schüler von diesen Sauftouren berichten, geht es auch viel um Sexualität. Das finde ich oft erschütternd: wie abwertend sie sich darüber auslassen und welche Dinge Zwölf-, 13-Jährige schon ausprobieren.

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sueddeutsche.de: Was wird später aus diesen Kindern?

Groß*: Das kommt ganz darauf an. Ich habe schon Klassentreffen besucht, da war ich richtig stolz, wie sich einige gemacht haben. Das sind Momente, in denen ich gern Lehrer bin. Es gibt aber auch Schüler, denen der Sinn für die Realität völlig abhanden gekommen ist. Sie wollen unbedingt Tierärztin oder Rechtsanwältin werden. Wenn das nicht klappt, beziehen sie lieber Hartz IV als im Einzelhandel zu arbeiten.

sueddeutsche.de: Auch der Politik ist klar, dass die Hauptschule der Problemfall des deutschen Bildungssystems ist. Fühlen Sie sich vom Kultusministerium unterstützt?

Groß*: Nein, überhaupt nicht. Wir Lehrer bekommen großen Druck. Uns wird immer mehr Verwaltungsaufwand aufgebürdet, so dass wir kaum noch Zeit für unsere eigentliche Arbeit haben. Ständig gibt es neue Erlasse ohne ein pädagogisches Konzept dahinter. Dabei müsste man sich um unsere Schüler viel besser kümmern. Aus den Grundschulen werden nur noch die zwei, drei schlechtesten Schüler zu uns überwiesen. Auch nach dem fünften Schuljahr kriegen wir nur das, was andere Schulen "entsorgen". An Gymnasium und Realschule werden schlaue, aber verhaltensgestörte Schüler mit schlechten Noten bestraft und einfach zu uns durchgereicht. Wir müssen dann zusehen, wie wir sie in die Klasse integrieren. Doch bei manchen Kindern greifen wir ins Leere, weil wir sie einfach nicht mehr erreichen können. Dann zerstören ein oder zwei Kinder die Lernatmosphäre für 25 andere. Gute Hauptschüler gehen so zwangsläufig unter.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, die Hauptschule hat eine Zukunft?

Groß*: Ja, weil unser Klientel nicht aussterben wird. Wohin will die Gesellschaft denn sonst all die Kinder stecken, die sie nicht haben will?

*Name von der Redaktion geändert.

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(sueddeutsche.de/mri/cmat)