Der umstrittene Harvard-Chef Larry Summers tritt ab.
Es geschieht nicht oft, dass der Rücktritt eines Schulleiters weltweit Aufmerksamkeit erregt. Doch als Larry Summers am Dienstag verkündete, er werde sein Präsidenten-Amt an der Harvard-Universität am 30. Juni niederlegen, wurde dies über den Campus in Cambridge hinaus wahrgenommen.
Anzeige
Mit der Amtszeit von Larry Summers wird eine Ära der Hochschulpolitik zu Ende gehen, die Summers Anhänger als zukunftsweisend und seine Gegner als untragbar betrachteten. Der Jurist Alan Dershowitz beschrieb Summers Rücktritt im Boston Globe als Putsch der politischen Korrektheit, welche der akademischen Freiheit einen schweren Schlag versetzt habe, mit ähnlichem Eifer wie die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen.
Summers Anhänger sehen in dem scheidenden Harvard-Chef einen Reformer, der sich vor allem deswegen Feinde machte, weil er verkrustete Strukturen aufbrechen und Machtblöcken innerhalb der Fakultäten ihre Pfründe streitig machen wollte. Summers hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2001 damit Aufsehen erregt, dass er die "Honor Roll" verkleinerte, eine Art akademische Hitliste für Studenten. So wollte er die Bestnoteninflation eindämmen. Er trieb die Expansion der Universität voran, bemühte sich darum, die anachronistischen Trennungen zwischen den Fakultäten aufzuheben und die Universität als Zentrum für Stammzellforschung zu etablieren. Unter seiner Regentschaft festigte sich der Ruf Harvards soweit, dass die Universität bei einer weltweiten Untersuchung als Markenname mit dem größten Vertrauensbonus ermittelt wurde.
Summers' forschen, oft beleidigenden Führungsstil haben jedoch viele als untragbar empfunden. Die Liste der Skandale, durch die Summers es sich mit den linken Flügeln der Fakultäten verscherzte, ist lang. Im Frühjahr 2002 vergrätzte er mit Cornel West einen der führenden Intellektuellen des schwarzen Amerika: Er hatte ihm vorgeworfen, zu viel Zeit mit seiner Beteiligung an Hollywoodfilmen und Rap-Platten zu verbringen und zu wenig mit akademischer Arbeit. West beschimpfte Summers daraufhin als "Ariel Sharon der Wissenschaften" und lehrt seither in Princeton. Im selben Jahr erklärte Summers, er halte den Vorschlag, Investitionen der Universität in Israel abzuziehen, für antisemitisch.
Den größten Aufruhr verursachte jedoch eine Rede, die Summers im Rahmen einer Wirtschaftskonferenz im Januar 2005 hielt. Damals erklärte er die geringe Zahl von Frauen in leitenden Positionen der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer damit, dass die Mutterrolle Frauen oft davon abhalte, die geforderten 80-Stunden-Wochen durchzuhalten. Während Summers' Amtszeit wurden in Harvard nur vier von 32 freien Lehrstühlen auf Lebenszeit an Frauen vergeben.
Vorwürfe der Vetternwirtschaft und Machtpolitik häuften sich. Im März letzten Jahres hatte die Faculty of Arts and Sciences, die mit Abstand größte Harvard-Fakultät, ein Misstrauensvotum angestrengt, das mit 218 zu 185 Stimmen angenommen wurde. Als der Vorsitzende der Fakultät William Kirby vor knapp vier Wochen zurücktrat, sank die Stimmung in Harvard auf den Nullpunkt.
Mit seinem freiwilligen Rücktritt vermeidet Summers nun die peinliche Prozedur eines erneuten Misstrauensvotums, das die Faculty of Arts and Sciences für nächsten Dienstag angesetzt hatte. Summers wird zunächst eine Auszeit von einem Jahr nehmen und dann in der Position eines "University Professors" nach Harvard zurückkehren. Das ist in der Hierarchie der Ivy-League-Universität der höchste Rang eines Fakultätsmitglieds. Bis ein Nachfolger gefunden ist, wird der 75-jährige Derek Bok die Geschäfte leiten, der bereits von 1971 bis 1991 Harvard-Präsident war. Mit fünf Jahren war die Amtszeit Larry Summers" als Harvard-Präsident so kurz wie keine zuvor seit Gründung der Schule im Jahr 1693.
(SZ vom 23.2.2006)
Unnütze Hygienemaßnahmen