Ein-Euro-Jobs an Unis sind rar - und noch ohne große Perspektiven.
Sieben Monate lang war Detlef Katzera einer von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Jetzt hat er eine neue Visitenkarte: "Organisation Kinder-Uni" steht darauf. Auch wenn es nur für ein halbes Jahr ist, kann Katzera wie ein ganz normaler Mitarbeiter der Fachhochschule Erfurt auftreten, wenn er in diesem Semester die Kinder-Uni der FH betreut. "Ich fühle mich voll integriert", sagt der 50-jährige gelernte Betriebswirt - für Jobs, die man in seiner Situation bekommt, nicht selbstverständlich.
Das Denkmal von Alexander von Humboldt vor der Humboldt-Universität in Berlin (© Foto: dpa)
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Katzera ist Arbeitslosengeld-II-Empfänger und macht einen so genannten Ein-Euro-Job. Während andere Hartz-IV-Betroffene mit der Müllzange durch die Stadt streifen oder Einkaufstüten für Senioren tragen, hat er eine der seltenen Stellen an einer Hochschule bekommen. "Der Job ist anspruchsvoll", sagt Katzera, der früher eine Dienstleistungsfirma für KfZ-Zulassungen hatte: "Ich war selbstständig und will auch weiter analytisch arbeiten und etwas organisieren."
Neues Arbeitsumfeld
So wie für Katzera bieten die Hochschulen im Grunde gute Möglichkeiten für Langzeitarbeitslose, die auf eine Aufgabe hoffen, die sie fordert und beruflich voranbringt. Die Ein-Euro-Jobber recherchieren für Bibliotheken, pflegen Archive oder helfen in der Verwaltung aus. Das entspricht zwar häufig nicht ihren Qualifikationen, aber zumindest bekommen sie für drei bis sechs Monate Zugang zu einem neuen Arbeitsumfeld.
Dennoch nagt der Status des Ein-Euro-Jobbers am Selbstwertgefühl vieler Betroffener. Viele wollen sich nicht öffentlich äußern, schon gar nicht unter ihrem Namen. Zwar sei er mit seinem Kurzzeitjob zufrieden, sagt etwa ein Geisteswissenschaftler, der zurzeit in einer Institutsbibliothek arbeitet. Doch sein Umfeld gucke ihn regelmäßig schief an: Arbeitsämter behandelten ihn "menschenunwürdig", Bekannte stempelten ihn als gescheitert ab. Von Studenten müssen sich die Ein-Euro-Jobber sogar als "Zwangsarbeiter" titulieren lassen - so nannten Vertreter des Landesausschusses der Studentinnen und Studenten (LASS) in Thüringen die Aushilfsarbeiter kürzlich. Kein Wunder, dass der Geisteswissenschaftler mittlerweile ausgesprochen pessimistisch ist. "Dass mir dieser Job etwas bringt, glaube ich nicht."
Ob die Arbeitslosen durch den Kontakt zur Hochschule den Neustart in die Berufswelt schaffen, ist tatsächlich fraglich. Zumindest, wenn es um die akademische Berufswelt geht. Denn die Stellen, die sie dort bekommen, gibt es eigentlich gar nicht: Die Jobs werden eigens für die so genannten "erwerbsfähigen Hilfsempfänger" geschaffen, sie dürfen keine regulären Stellen ersetzen. "Eigentlich wollten wir auch niemanden einstellen", sagt Klaus Hilgemann, stellvertretender Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Münster: "Dann aber kam ein Musikwissenschaftler zu uns, der händeringend etwas suchte". Die Bibliotheksleitung erinnerte sich an 150 historische Musikdokumente, die noch nicht katalogisiert worden waren, und stellte ihn auf Ein-Euro-Basis ein. Jetzt profitiert sie vom Fachwissen des neuen Kollegen.
Keine Weisungsbefugnis
Dennoch ist Klaus Hilgemann skeptisch, was den Einsatz von Ein-Euro-Jobbern angeht: "Das Problem ist, dass wir keine Weisungsbefugnis haben." Die Verträge werden mit den Arbeitsagenturen gemacht, "und wenn sich jemand schlecht benimmt, können wir nicht disziplinarisch gegen ihn vorgehen." Viele Hochschulen wollen Ein-Euro-Jobber deswegen gar nicht oder nur in begrenztem Umfang einstellen. Die Fachhochschule Brandenburg beschäftigte in der Verwaltung zwei Hilfskräfte, war mit deren Leistung aber nicht zufrieden: "Wir wollen weiter Ein-Euro-Jobber einstellen", sagt FH-Sprecher Stefan Parsch, "allerdings müssten sie besser qualifiziert sein als die bisherigen."
Nicht zuletzt wegen solcher Vorbehalte ist die Zahl der Ein-Euro-Jobs an Hochschulen bis jetzt noch gering. Die tatsächlichen Einstellungen liegen pro Hochschule oft nur im ein- oder zweistelligen Bereich. An der Universität Jena gibt es zurzeit 26 Hilfsjobber, an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder 17. In Erfurt ist es nur einer - Detlef Katzera. Der ist immerhin vorsichtig optimistisch: "Vielleicht gelingt es mir, wieder Fuß zu fassen."
(SZ vom 18.5.2005)
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