Guttenberg und die Plagiatsaffäre Diese Affäre hinterlässt Verheerung

Seitdem die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie vor gut zehn Jahren als nationale Katastrophe behandelt wurden, vor allem von Politikern, folgt eine Bildungsinitiative auf die andere. Die Reform der akademischen Ausbildung nach den Prinzipien von Bologna setzte eine radikale Verschärfung des akademischen Wettbewerbs in die Welt, das Kriterium der Exzellenz teilte die deutschen Universitäten in international konkurrenzfähige Institute und Anstalten von regionaler Bedeutung. All diese Reformen wurden, besonders von der Politik, mit der Rhetorik höchster Dringlichkeit, ja des drohenden nationalen Notstands vorgetragen. Nicht weniger als die Zukunft Deutschlands sollte auf dem Spiel stehen.

Exzellenz muss ein Fetisch sein

Was davon tatsächlich zu halten ist, offenbart die Verachtung der akademischen Welt, die aus den Kommentaren Bouffiers und Merkels wie aus Mund vieler Wähler tönt. Und hätte nicht Annette Schavan, die Ministerin für Bildung und Forschung, die Propagandistin der Exzellenz und des akademischen Wettbewerbs, die Erste sein müssen, die in dieser Affäre auf Einhaltung der akademischen Standards pochte - anstatt den Kollegen sogar in Schutz zu nehmen?

Man hat sich offenbar getäuscht. Die Exzellenz muss ein Fetisch sein, der zur obsessiven Beschäftigung der akademischen Welt mit sich selbst dient. Die Aufgabe von Fußnoten besteht demnach nicht darin, die Quellen offenzulegen, den Forschungsstand zu dokumentieren und die intellektuelle Leistung anderer zu achten, sondern darin, Gunst- und Autoritätsbeweise zu spendieren. Und der akademische Betrieb besteht dieser Wahrnehmung zufolge in eben jener Ansammlung ebenso weltvergessener wie intriganter Eierköpfe, die der gesunde Menschenverstand, wie er im Volke so verbreitet ist, schon immer in der Wissenschaft erkennen wollte.

Denn worauf zielen die demoskopischen Umfragen, die in den vergangenen Tagen veranstaltet wurden, um die Reaktion der Wähler auf diese Affäre zu ermitteln - wenn nicht auch der Suggestion, es ließe sich über die Bedeutung der Standards, die der Verteidigungsminister verletzte, eine Volksabstimmung durchführen?

Man kann nicht auf der einen Seite erklären, Bildung sei die wichtigste Ressource dieses Landes, um auf der anderen Seite die Qualifikationsstandards dem Populismus zu überlassen. Man kann Wissenschaft nicht gleichzeitig beschwören und verachten. Geschehen ist es trotzdem. Darin besteht die Verheerung, die diese Affäre zurücklässt.