Von Von C. Bernd Sucher

Hilfe, ich habe gekleckert! Vom Umgang mit Speisen und Tischnachbarn.

Wenn meine Mutter Struwwelpeter zitierte, wusste ich: Was falsch gemacht! Entweder war's das Daumenlutschen oder die Zappel-Philipp-Nummer. Kurz: Recht früh wurde mir spielerisch beigebracht, dass es niemand mag, wenn man mit Tischdecke, Suppenteller und Schüssel auf den Boden plumpst. Also zappelte ich nicht. (Kein Wort übers Daumenlutschen.) Und da meine Mutter streng war, setzte sie uns Kinder am Heiligen Mittag, also am 24. Dezember, aus: für den Kurs Essengehen-Lernen. Wir waren Kinder - neun und vier Jahre - und aßen uns hoch. Wasser und Würstchen im Lokal des Hamburger Hauptbahnhofs - mit Messer und Gabel. Später Wasser, Suppe, Fisch und danach rote Grütze im Reichshof - zwei Löffel, ein Besteck.

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Viel später durften wir ins Atlantic Hotel an der Alster. Und wir genossen es sehr, respektiert zu werden wie die Großen. Bewundert zu werden für Manieren, die uns ein Kinderspiel wurden. Rutschte das Messer in die Sauce, fiel die Serviette auf den Boden - Mensch ärgere dich nicht. Und wenn ein Ober bemerkte, dass wir noch Schwierigkeiten hatten, wir zum Beispiel das Fischbäckchen nicht rausholten hinter den Kiemen und er uns erklärte, waren wir glücklich: Wir wurden ernst genommen. Diese Essen waren nicht Zucht, nicht Zumutung, sondern ein Spaß! Frohgemut gingen wir danach in den Kindergottesdienst, sicher, etwas zuvor erlebt zu haben, was andere Eltern ihren Kindern verwehrten. Das Heilig-Mittagessen ohne die Eltern war unser erstes Geschenk.

Ganz einfach

Wie wichtig sind die richtigen Manieren bei Tisch? Kein Mensch muss - wenn er es nicht wissen will - mit einer Austerngabel umgehen können oder einer Schneckenzange. Selbst wer eine Fisch- nicht von einer Fleischgabel unterscheiden kann, ist nicht zu bedauern. Wird er sie auf einem Tisch vorfinden, wird er sie benutzen können. Und niemand muss einen Schreck bekommen, wenn rechts vom Teller ein kleines Messer, ein Fischmesser und ein großes Messer liegen und links davon drei verschieden große und verschieden geformte Gabeln. Ganz einfach beim ersten Gang: die Werkzeuge ganz außen, nach dem Salat sind sie schon mal weg. Dann die nächsten Instrumente für den Fisch, schließlich die fürs Fleisch. Und wer es falsch macht, wird auch satt und, so hoffe ich, von niemandem zurecht gewiesen.

Tischmanieren sind nicht der perfekte Gebrauch von Löffel und Gabel, Messerbänkchen (ohnehin ein unnötiger, allerdings oft schöner Schnickschnack) und Gläsern - wenngleich es keinen Grund gibt, drei Gänge mit ein und demselben Besteck zu essen und alle Getränke in einem Glas zu servieren. Natürlich ist es schön, wenn zu Austern eine Fingerschale zur Verfügung ist, die man auch für diese benutzen und nicht als willkommenen Wasser-Zitronen-Mix schlürfen sollte. Aber Austern ohne Schale und mit einer normalen Gabel serviert, schmecken nicht schlechter. Und unappetitlich ist der Anblick auch nicht.

Fünf Regeln

Tischmanieren sind das Verhalten bei Tisch. Und hier ist wieder Rücksicht verlangt. Wenn wir davon ausgehen, dass alle sich bei einem Essen wohlfühlen wollen und sie eben nicht nur der Hunger treibt, gemeinsam Essen zu fassen, dann gilt es eigentlich nur wenig zu bedenken.

Erstens: Niemand fängt an zu essen, bevor nicht alle am Tisch etwas haben. Zweitens: Niemand spricht mit vollem Mund. Obwohl es für den Essenden meist kein Problem darstellt, zu kauen und zu formulieren, macht es den anderen wenig Vergnügen zuzusehen, wie Schweinsbraten zerbissen, Knödel zerquetscht werden zwischen Zähnen, Gaumen und Zunge. Drittens: Niemand unterbricht jemanden beim Reden. Viertens: Nachschlag bekommt man angeboten und fordert ihn nicht. (Nur bei den Getränken kann man Gastgeber oder Kellner um Großzügigkeit bitten.) Fünftens: Man stellt sein Geschirr nicht abgegessen beiseite und stapelt es auch nicht vor sich.

Alles andere ist Spiel. Wer kleckert, mag sich entschuldigen oder - wie es der Schriftsteller Jean Cocteau beim französischen Staatspräsidenten tat - noch einen Tomatenklecks hinzufügen - "sieht einfach hübscher aus auf dem Weiß!" Wer die Flasche umstößt, muss sich entschuldigen, aber nicht gleich aufspringen und mit Wischtüchern hantieren. Schließlich will man sich wohlfühlen, was schwer gelingt, wenn Gast oder Gastgeber das Reinemachen beginnen. Und Brot in die Sauce zu tunken, ist erlaubt - empfiehlt sich indes nur bei den guten.

Ein Erlebnis

Wie kann man Kindern ganz früh das Zappeln abgewöhnen? Mit dem Struwwelpeter. Wie ihnen die Angst nehmen vor vielen Bestecken, weißen Tischtüchern? Mit Besuchen in Wirtshäusern oder Restaurants im Vorschulalter. Fastfood-Hallen eigenen sich weniger, sind aber unbedingt aufzusuchen für eine Demonstration: Essen und Reden, gleichzeitig - so sieht das aus!

So schlicht es klingt: Jeder Mensch kann lernen, aus welchen Gläsern welcher Wein und Sekt und Champagner getrunken wird; er kann in Kursen den Umgang üben mit diversen Werkzeugen, die erfunden worden sind, auch noch kleinen Seeschnecken zu Leibe zu rücken oder Hummerscheren. Aber wer all das kann und weiß, muss nicht allein wegen dieser Kenntnisse ein angenehmer Gastgeber oder Gast sein. Denn wichtiger als der Umgang mit Lebensmitteln und Getränken ist der mit Menschen. Ein gemeinsames Essen dient der Kommunikation, einem gemeinsamen Erlebnis. Und wer es dabei an Achtung fehlen lässt, hat verloren, auch wenn er sonst alles richtig macht.

Der Autor ist Theaterkritiker der SZ und hat das Handbuch "Hummer Handkuss Höflichkeit" geschrieben.

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(SZ vom 3.12.2003)