Von Von C. Bernd Sucher

Über den Umgang mit Langweilern und anderen schwierigen Zeitgenossen.

Wir haben es alle schon erlebt: Ein Cocktailempfang oder eine Party - und just der langweiligste Mensch redet uns an und will uns partout nicht aus seinen Klauen lassen. Da es nun weder höflich noch charmant ist, diesem redseligen Langeweiler (redselige Langweilerinnen gibt es eher selten) zu sagen, dass das Gespräch nicht eben spannend ist, müssen wir andere Wege finden, diese Klette loszuwerden.

Anzeige

Sich zu entschuldigen, um ans Buffet zu gehen, ist unziemlich rüde; auch die andere Ausrede, jetzt und sogleich das Klo aufsuchen zu müssen, verbietet sich. Was kann man also anstellen? Die beste Möglichkeit ist, verstohlen Ausschau zu halten nach jemanden, den man kennt und sich zu verabschieden mit dem Hinweis, dass man sich - leider (und dies ist eine Lüge, allerdings eine lässliche) - um eine Freundin kümmern müsse, die hier ganz verloren sei, wenn man sie nicht einigen anderen Gästen vorstellte.

Ist der Gesprächspartner nicht bloß ein Langweiler, sondern ein Widerling, der einen Streit sucht in einer politischen Diskussion, dann darf man jemandem durchaus wahrhaftig sagen, dass man dieses Gespräch zu beenden wünsche. Trifft man auf einen Antisemiten oder Rassisten, muss man Zivilcourage zeigen und entschuldigt sich nicht für den abrupten Abbruch des Gesprächs, sondern geht mit dem Hinweis, eine solche Meinung weder akzeptieren noch anhören zu wollen.

All das geht, wenn man steht. Aber wehe, man sitzt und wurde zu solch einer Person gesetzt. Es gibt bis zum Kaffee kein Entkommen. Ich weiß, solche Abende sind eine Mühsal besonderer Qualität, aber sie müssen durchgestanden werden. Niemand kann den Gastgeber bitten, woanders hingesetzt zu werden. Eine Ausnahme, denke ich, muss erlaubt sein: Man muss sich keine Tiraden anhören müssen, die dem eigenen moralischen und ethischen Denken zuwider sind. In solch einem Fall lügt man auch nicht ("Mir ist plötzlich schlecht geworden"), sondern erhebt Widerspruch und steht auf.

Wie aber erklärt man dies dem Gastgeber? Wer sicher ist, dass dieser von des unleidlichen Gastes Gesinnung nichts wusste, verabschiedet sich vorzeitig bei ihm mit einer kurzen Erklärung. Wer glaubt - und es vorher nicht wusste -, dass der Gastgeber den Gedanken dieses Gastes nahe steht und jetzt weiß, dass er in die falsche Veranstaltung geraten ist, sollte ohne Abschied gehen. Er wird gewiss nicht wieder eingeladen werden. Und das ist gut so.

Das bedeutet: Wir müssen bei der Wahl unserer Gäste ebenso vorsichtig sein wie beim Akzeptieren von Einladungen. Hervorragende Speisen, gute Weine verschönern einen Abend nur dann, wenn es Vergnügen bereitet, just mit diesen Menschen zusammen zu sein. Wenn man sehr viel Glück hat, sind sie geistreich, charmant, witzig - und höflich.

Leser empfehlen 

(SZ vom 5.12.2003)