Geheimes Herrschaftswissen der Controller

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Das sieht man in München, gelinde gesagt, anders: Der Altphilologe und Senatsvorsitzende Martin Hose sagt, die Bielefelder hätten nur vier seiner dreißig Publikationen aus den vergangenen sechs Jahren gefunden, dafür wurden ihm einige Arbeiten eines Musikwissenschaftlers namens Braun zugeschrieben, was sich dadurch erklärt, dass Hose einen Mitarbeiter gleichen Namens hat.

Hose ist beileibe kein Einzelfall. Laut Bielefelder Erfassung hat die katholisch-theologische Fakultät in den sechs Jahren rein gar nichts publiziert. Auch von den meisten Germanisten hatte keiner eine als relevant erachtete Publikation in seiner Erfassung. Der Grund war immer derselbe: Die Hauptpublikationsorte von Geisteswissenschaftlern, nämlich Aufsatz-Sammelbände, Kongressberichte und vor allem Monographien wurden schlichtweg nicht berücksichtigt. "Wir waren nicht sonderlich glücklich", sagt Hose mit fast schon britisch anmutendem Understatement.

Nun gibt es im holländischen Leyden den berühmten Bibliometriker Antony van Raan, der sich seit Jahren darüber mokiert, was für Bedenkenträger in Sachen Bibliometrie diese Deutschen doch immer noch seien. "Naja", sagt Winterhager, "die bibliometrischen Indikatoren sind schließlich Herrschaftswissen, da darf man ruhig Bedenken haben." Und er ergänzt, dass seine Auftraggeber sich jeweils "sehr genau vorbehalten, wie die von uns ermittelten Zahlen zu interpretieren sind."

Bücher spielen keine Rolle

Die bibliometrischen Ergebnisse haben teilweise gravierende Auswirkungen auf Gelder, auf die interne Hochschulpolitik - und auf die Lehre selber. Hose zieht einen Band aus dem Regal: die Neuausgabe des Ökumenischen Konzils von 787, herausgegeben von Erich Lamberz. Lamberz saß zehn Jahre daran. "Das hat als Edition 150 Jahre Bestand, jeder, der sich darauf bezieht, wird sie benutzen, wird aber oftmals nicht eigens Lamberz zitieren. So ist Lamberz nicht greifbar über den Zitationsindex. Und so wird die Editionsarbeit, die bisher die Krönung unseres Geschäfts war, mit einem Mal komplett wertlos." Ähnlich ist es mit den Büchern. In den Geisteswissenschaften ist das Buch noch immer das wertvollste Produkt. Bücher aber spielen quasi keine Rolle in der bibliometrischen Erfassung.

Außerdem, so Hose, bedeutet Zitation natürlich nicht Zitation. In den Naturwissenschaften mag es sinnvoll sein, wird dort doch aufbauend zitiert, das heißt, man übernimmt in einer Arbeit die Ergebnisse von XY und stellt sich darauf wie auf die Sprossen einer Leiter, um weiterzuklettern. In den Geisteswissenschaften aber wird oft polemisch oder in Abgrenzung zitiert, schließlich ist "Fortschritt" hier meist nur durch Widerlegung möglich.

Was also ist dann mit Aufsätzen, die nur zitiert werden, weil man dem Autor Fehler nachweist? Winterhager behauptet, solche negative Zitate seien zu vernachlässigen, so etwas gebe es zwar, es sei aber irrelevant. Auch das sieht Hose anders: "Detlev Fehling ist bei den Altgriechen vielleicht der Zitationschamp." Fehling stellte in den siebziger Jahren die These auf, dass Herodot alle historischen Daten frei erfunden habe. Jede Arbeit, die seither zu Herodot erschienen sei, polemisiere gegen Fehling, was ihm jedes Mal neue Zitate einbringt.

Auf der nächsten Seite: Wie bibliometrische Evaluationen hochschulpolitische Entscheidungen legitimieren sollen.

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