Von Alex Rühle

Lässt sich die Qualität eines Wissenschaftlers an der Zahl seiner Publikationen messen? Controller berechnen Renommee anhand von Zitaten und Fußnoten - und fördern oder zerstören so Karrieren.

Bielefeld im Winter: Fahles Zwielicht, die Häuser ducken sich unterm Rezessionswetter weg, am Horizont die graue Universität, ein Betonriegel, der von seligen Gründerzeiten zu träumen scheint. Anfang der siebziger Jahre ging der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau mit der Gießkanne durchs Land, "das kann man sich kaum noch vorstellen, da entstanden alleine in Nordrhein-Westfalen acht Hochschulen. Jetzt verschwinden sie wieder. Deshalb braucht man uns."

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Schöne neue Hochschulwelt: Die wichtigste Zauberformel ist die von der leistungsorientierten Mittelverteilung. (© Foto: dpa)

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Matthias Winterhager sitzt in seinem Büro im Seitenflügel U dieser Universität. Er arbeitet am "Institut für Wissenschaft- und Technikforschung" als IT-Beauftragter und beschäftigt sich hauptsächlich mit bibliometrischer Erfassung. Bibliometrische Erfassung ist ein Begriff aus der schönen neuen Hochschulwelt, deren Hauptstadt Bologna ist und in der viel von Innovationspotentialen, Exzellenzclustern und Drittmittelstatistiken die Rede ist und kaum noch von Bildung und Wissen. Die wichtigste Zauberformel in dieser Welt ist die von der leistungsorientierten Mittelverteilung.

Vermeintliche Objektivität

Wie aber beweist man akademische Leistung? Am besten mit Zahlen und deren vermeintlicher Objektivität. Weshalb mittlerweile jede Universität in ihrer Exzellenzbewerbung eine Publikationsliste nebst bibliometrisch erfasstem Zitationsindex anhängt. Auch die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat sich im vergangenen Jahr von dem renommierten Bielefelder Institut bibliometrisch erfassen lassen.

Die bibliometrische Erfassung geht davon aus, dass man die Leistungen eines Forschers bemessen kann, indem man die Anzahl seiner Publikationen zählt; das wäre erst mal die reine Quantität. Die Qualität der Publikationen soll dann analysiert werden, indem man zählt, wie oft die Artikel eines Wissenschaftlers in den zwei Jahren nach der Veröffentlichung zitiert werden. Außerdem schaut man auf den Impact Factor der Zeitschrift, der sich daraus errechnet, wie oft insgesamt aus dem Journal zitiert wird. Den höchsten Impact Factor haben weltweit Nature und Science.

Schutzzaun der Geisteswissenschaften

Matthias Winterhager hat nichts von einem glatten Zahlenmenschen, er ist nachdenklich, formuliert skrupulöse Sätze und betont, dass "bibliometrische Angaben keine qualitative Beurteilung ersetzen können". Er sagt, dass man mit diesem Instrument zwar die Naturwissenschaften durchleuchten könne - in der Medizin ist die Bibliometrie seit den Siebzigern gang und gäbe - , dass die Leistungen der Geisteswissenschaftler aber damit kaum zu greifen sind. Warum wurden dann aber im vergangenen Jahr alle Fakultäten der LMU bibliometrisch erfasst? Deren Controllingabteilung weigert sich wochenlang, Auskunft zu geben, man stecke gerade "mitten in der Durchführungsphase unseres diesbezüglichen Projekts" und könne deshalb nichts dazu sagen.

Winterhager meint, es gebe da "sicher Naturwissenschaftler mit Einfluss in der Hierarchie, die sagen: Wir sehen die Schwierigkeiten, aber wir probieren es trotzdem, damit die Geisteswissenschaften sich nicht auf ewig hinter einem Schutzzaun verbergen können." Also haben sie es "vorsichtig versucht", wie Winterhager das ausdrückt, und eine "ordentliche Bestandsaufnahme des Publikationsoutputs erstellt". Winterhager betont, sie hätten sich bemüht, alles aufzunehmen, was eine ISBN-Nummer hat, einschließlich Büchern und Beiträgen in Sammelbänden.

Auf der nächsten Seite: Wie durch Bibliometrie widerlegte Wissenschaftler ungewollt zum Zitationschamp aufsteigen.

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