Gute Lehrer Nicht nur Gestörte und Sadisten

Es wird zu viel über schlechte Lehrer geredet und zu wenig über gute. Gute Pädagogen nehmen den Schülern die Angst vor der Schule. Doch in unserem Bildungssystem wird ihnen das mitunter unmöglich gemacht.

Von Heribert Prantl

Auch die guten Lehrer sind nicht perfekt. Manchmal sind sie genervt, manchmal platzt ihnen der Kragen, manchmal sind sie frustriert, manchmal sind sie ungerecht. Sie sind nicht die Heiligen der Klassenzimmer und nicht die Helden des Alltags. Aber die guten Lehrer sind begeistert von dem, was sie tun. Sie unterrichten nicht einfach Biologie, Latein, Physik und Englisch; sie unterrichten junge Menschen in Biologie, Latein, Physik und Englisch. Das ist ein Unterschied. Sie tun es mit liebevoller, mit beseelter Leidenschaft.

Auch solche Leidenschaft macht Fehler, aber sie macht junge Menschen nicht kaputt. Es ist ein großes Glück für einen Schüler, einem Lehrer zu begegnen der versucht, den Menschenfresser Schule so zu bändigen, dass er Lehrer und Schüler nicht frisst. So ein Lehrer nimmt die Angst vor der Schule; so ein Lehrer ist, auch wenn man ihn nur ein oder zwei Schuljahre lang hat, ein Gefährte fürs Leben. Es ist ein Glück, so einen Lehrer zu haben. Und es gibt dieses selbstverständliche Glück an fast jeder Schule. Es wird zu viel über schlechte und zu wenig über gute Lehrer geredet.

Es wird viel über schlechte Lehrer geschrieben. Die Literatur der vergangenen hundert Jahre ist eine Schulhorrorliteratur; die Klassenzimmer sind dort Schreckenskabinette, die Schule ein Ort von Bösartigkeiten, ein System der Demütigung. So ist es bei Heinrich und Thomas Mann, bei Torberg und Ebner-Eschenbach, bei Rilke und Hesse. In den "Buddenbrooks" sind die Lehrer grausame oder lächerliche Vernichter der Kindheit.

Die Lehrer in den Romanen sind entweder Geistesgestörte, Narren oder Sadisten. In Wedekinds "Frühlings Erwachen" heißen sie Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick, Knochenbruch und Hungergurt. Und das ist nicht unbedingt lustig gemeint. Selbst in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten sind die Schulstreiche oft von bitterer Art. Das war lange vor Pisa, war also auch in Zeiten so, die als die großen des deutschen Bildungswesens gelten. Manchmal kann man den Eindruck haben, dass die Realität der Literatur nacheifert.

Es wird zu wenig über gute Lehrer geredet; und es wird den Lehrern viel zu wenig die Möglichkeit gegeben, gut zu sein. Lehrer brauchen einen Arbeitsplatz, der die Voraussetzungen dafür herstellt, gut sein zu können. Die finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen entscheidet auch mit darüber, wie gut der Unterricht sein kann. Bei aller Leidenschaft und Selbstverleugnung kann ein Lehrer nicht gut sein, wenn er eine kastrierte Dreiviertelstunde lang vor 35 Kindern steht und statistisch mit jedem einzelnen eine Minute "kommunizieren" kann.

Lehrer brauchen nicht ständig neue Aufgaben, sondern mehr Freiheiten - für eigene Ideen und für guten Unterricht. Sie brauchen Freiraum und Zeit für den einzelnen Schüler, für Projekte und Zusammenarbeit auch mit außerschulischen Einrichtungen; sie brauchen weniger Verwaltungsaufgaben. Ein guter Lehrer könnte ein noch besserer Lehrer sein, wenn er nicht bei jeder spontanen Initiative fragen müsste: "Ist das juristisch abgesichert?" Solange das so bleibt, muss ein Lehrer zuallererst eine robuste Natur haben: Ein guter Lehrer ist also einer, der in einem ziemlich kranken System gesund bleiben kann.

Faule Säcke im Schlabberpulli

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