An Hamburger Grundschulen soll die Schreibschrift nach den Sommerferien nicht mehr obligatorisch sein. Doch befreit die Regelung die Schüler von überflüssiger Pein oder führt sie zu einer "modernen Form des Analphabetismus", wie die Gegner befürchten?
An den Hamburger Grundschulen soll nach den Sommerferien das Unterrichten der bisherigen Schreibschrift nicht mehr obligatorisch sein. Das sorgt schon jetzt für Unruhe. Die Befürworter feiern die neue Regelung als Befreiung der ABC-Schützen von einer überflüssigen Pein, die Gegner warnen vor einer "modernen Form des Analphabetismus".
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Nach den diesjährigen Sommerferien sollen die Grundschüler in Hamburg nur noch die Grundschrift erlernen. (© dpa/dpaweb)
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Das klingt, als könne nun in Hamburg dem Streit um die mit der schwarz-grünen Koalition gescheiterte große Schulreform ein Streit um die elementaren Kulturtechniken folgen. Das Thema ist aber keine Hamburger Spezialität. Es gehört in ganz Deutschland auf die Tagesordnung. Denn die Frage, wie in den Schulen das Schreiben gelehrt werden soll, ist in den einzelnen Bundesländern sehr uneinheitlich geregelt, und in der Grundschuldidaktik haben dazu zwei Experten mindestens drei Meinungen.
Bisher lernen die Kinder in den Grundschulen zwei Arten des Schreibens mit der Hand, die "Druckschrift" und die "Schreibschrift". Die Druckschrift ist dabei traditionell dem Lesen zugeordnet, ihre Buchstaben werden einzeln in einem Vorgang angeeignet, der oft eher dem Abmalen als dem Schreiben ähnelt.
Die Schreibschrift wird erlernt, indem die Buchstaben einer vorgegebenen Normschrift in einer kontinuierlichen Schreibbewegung miteinander verbunden werden. Schreibschrift ist Kursivschrift. Aus der in der Schule erlernten Schreibschrift gehen die individuellen Handschriften der Schüler hervor, die mit ihnen altern, sich mit ihnen verändern, nicht selten in Richtung Unlesbarkeit.
Anders, als es ihr Deutschtumsfuror erwarten ließe, haben die Nationalsozialisten 1941 nicht die deutsche, sondern die lateinische Schreibschrift zur Norm gebracht. Man wollte schließlich Imperium werden. Dieser Traditionsbruch, der die alte deutsche Kurrentschrift sowie ihre Nachfolgerin, die Sütterlinschrift, abschaffte, wurde nach 1945 nicht rückgängig gemacht.
Alle aktuellen schulischen Normschriften wurzeln in der lateinischen Schreibschrift: die "Lateinische Ausgangsschrift", die 1968 in der DDR eingeführte "Schulausgangsschrift" und die "Vereinfachte Ausgangsschrift", die in den siebziger Jahren der Göttinger Grundschullehrer Herbert Grünewald erfolgreich propagierte.
An dem Hamburger Vorstoß fällt auf, dass er mit dem Argument der Vereinfachung die Lage weiter kompliziert. Er stellt es den Schulen frei, statt weiterhin den Doppelschritt von der Druckschrift zur Schreibschrift zu gehen, nur eine einzige "Grundschrift" zu lehren. Diese ist zwar eine sehr ehrgeizige Neuerfindung, die alle anderen Schriften aus dem Feld schlagen will - zunächst aber vor allem ein Versprechen.
Der private Grundschulverein e.V., der die "Grundschrift" propagiert, behauptet, sie könne "die Vorteile von Druck- und Schreibschrift" vereinen. Sie ist aber keine Synthese. Vielmehr besteht ihr Konzept darin, die Schreibschrift nur noch als Variante der Druckschrift aufzufassen und ihre Ausgestaltung dem Schüler weitgehend selbst zu überlassen.
Die "Grundschrift" ist noch jung. Und es ist unter Grundschullehrern, Didaktikern, Physiologen und Psychologen strittig, ob sie dem komplexen Zusammenspiel von Auge, Hand und Hirn gerecht wird, das einer flüssigen Handschrift zugrundeliegt. Die derzeitige landespolitische Debatte in Hamburg wäre daher eine Gelegenheit, den Wirrwarr der Normschriften - und das Schicksal der Handschrift in Deutschland insgesamt - zu bedenken.
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(SZ vom 30.06.2011/jube)
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Selbst mein Arzt führt die Patientenakte nur noch elektronisch. Rezepte werden auch ausgedruckt, also warum noch Schreibschrift? (Gut dass man seinen Kommentar nicht handschriftlich abgibt, denn dann könnte mein Betrag von niemand gelesen werden...)
...aber als ich zur Schule ging, waren iPads und Notebooks noch nicht so verbreitet wie heute.
Man schreibt tatsächlich in Kursivschrift schneller, das ist wahr. Aber nicht annähernd so schnell wie auf einer Tastatur. Sogar SMS tippen geht schneller und ist lesbarer.
Heute kommt es vielleicht 2 Mal im Monat vor, dass ich irgendeine Notiz handschriftlich mache.
Tempora mutantor.
Wenn man sich genau ansieht, was in den letzten 100 Jahren in den Schulen als Ausgangsschrift geleht wurde, dann bleibt nur eines festzuhalten:
Es hat sich immer wieder geändert.
Kurrent, Sütterlin, seit 1941 (von Bormann unter Hitler eingeführt) die Deutsche Normalschrift, seit den 50ern des 20 Jahrunderts die davon abgeleitete Lateinische Ausgangsschrift und seit Anfang der 70er die Vereinfachte Ausgangsschrift. Etliche Bundesländer und Schulbezirke haben es seit Jahrzehnten den Schulen selbst überlassen, ihre Ausgangsschrift selbst festzulegen. Etliche davon lehren ausschließlich Druckbuchstaben.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben alles bewiesen: Kursivschrift ist besser, Sütterlin ist besser, Druckbuchstaben sind besser ...
Ich denke auch, dass es sehr sinnvoll ist, eine Ausgangsschrift intensiv zu erlernen und zu trainieren. Welche das ist, ist meines Erachtens letztendlich egal. Wer weiß, vielleicht wäre es ja für die Hand-Auge-Gehirn-Koordination eine gute Sache, Katakanas oder Hierolyphen zu erlernen? So wie man uns Latein seit Jahrzehnten als den Zaubertrank der Fremdsprachendidaktik serviert.
Aber an Pickelhaube bewundere ich eines: Die Standhaftigkeit, an eine Sache zu glauben, die sich ohnehin immer wieder geändert hat. Ehrlich. Das zeichnet uns Deutsche aus: Wir nehmen einen Standpunkt ein und verteidigen ihn verbissen. Dafür werden wir weltweit ebenso bewundert wie belächelt.
Leute wie Sie beneide ich, postit. Einfach mal die nötige Arroganz haben und Diskussionen wie diese für "sinnfrei" erklären .. ja, da wird das Leben in der Tat einfacher.
Sie haben Schreibschrift-Schreiben verlernt? Respekt.
Vor 2000 Jahren hab die Römer übrigens schon ähnlich sinnfreie Diskussionen geführt. Damals wurde Lesen und Schreiben in den Schulen eingeführt. Einhellige Meinung konservativer Mitbürger: die Kinder würden durch diese Maßnahmen verdummen, weil sie nicht mehr auswendiglernen müssten. Tja, so ändern sich die Zeiten, nur die Themen bleiben immer die gleichen.
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