Grundschulen in Hamburg Schreiben wie gedruckt

An Hamburger Grundschulen soll die Schreibschrift nach den Sommerferien nicht mehr obligatorisch sein. Doch befreit die Regelung die Schüler von überflüssiger Pein oder führt sie zu einer "modernen Form des Analphabetismus", wie die Gegner befürchten?

Von Lothar Müller

An den Hamburger Grundschulen soll nach den Sommerferien das Unterrichten der bisherigen Schreibschrift nicht mehr obligatorisch sein. Das sorgt schon jetzt für Unruhe. Die Befürworter feiern die neue Regelung als Befreiung der ABC-Schützen von einer überflüssigen Pein, die Gegner warnen vor einer "modernen Form des Analphabetismus".

Nach den diesjährigen Sommerferien sollen die Grundschüler in Hamburg nur noch die Grundschrift erlernen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Das klingt, als könne nun in Hamburg dem Streit um die mit der schwarz-grünen Koalition gescheiterte große Schulreform ein Streit um die elementaren Kulturtechniken folgen. Das Thema ist aber keine Hamburger Spezialität. Es gehört in ganz Deutschland auf die Tagesordnung. Denn die Frage, wie in den Schulen das Schreiben gelehrt werden soll, ist in den einzelnen Bundesländern sehr uneinheitlich geregelt, und in der Grundschuldidaktik haben dazu zwei Experten mindestens drei Meinungen.

Bisher lernen die Kinder in den Grundschulen zwei Arten des Schreibens mit der Hand, die "Druckschrift" und die "Schreibschrift". Die Druckschrift ist dabei traditionell dem Lesen zugeordnet, ihre Buchstaben werden einzeln in einem Vorgang angeeignet, der oft eher dem Abmalen als dem Schreiben ähnelt.

Die Schreibschrift wird erlernt, indem die Buchstaben einer vorgegebenen Normschrift in einer kontinuierlichen Schreibbewegung miteinander verbunden werden. Schreibschrift ist Kursivschrift. Aus der in der Schule erlernten Schreibschrift gehen die individuellen Handschriften der Schüler hervor, die mit ihnen altern, sich mit ihnen verändern, nicht selten in Richtung Unlesbarkeit.

Anders, als es ihr Deutschtumsfuror erwarten ließe, haben die Nationalsozialisten 1941 nicht die deutsche, sondern die lateinische Schreibschrift zur Norm gebracht. Man wollte schließlich Imperium werden. Dieser Traditionsbruch, der die alte deutsche Kurrentschrift sowie ihre Nachfolgerin, die Sütterlinschrift, abschaffte, wurde nach 1945 nicht rückgängig gemacht.

Alle aktuellen schulischen Normschriften wurzeln in der lateinischen Schreibschrift: die "Lateinische Ausgangsschrift", die 1968 in der DDR eingeführte "Schulausgangsschrift" und die "Vereinfachte Ausgangsschrift", die in den siebziger Jahren der Göttinger Grundschullehrer Herbert Grünewald erfolgreich propagierte.

An dem Hamburger Vorstoß fällt auf, dass er mit dem Argument der Vereinfachung die Lage weiter kompliziert. Er stellt es den Schulen frei, statt weiterhin den Doppelschritt von der Druckschrift zur Schreibschrift zu gehen, nur eine einzige "Grundschrift" zu lehren. Diese ist zwar eine sehr ehrgeizige Neuerfindung, die alle anderen Schriften aus dem Feld schlagen will - zunächst aber vor allem ein Versprechen.

Der private Grundschulverein e.V., der die "Grundschrift" propagiert, behauptet, sie könne "die Vorteile von Druck- und Schreibschrift" vereinen. Sie ist aber keine Synthese. Vielmehr besteht ihr Konzept darin, die Schreibschrift nur noch als Variante der Druckschrift aufzufassen und ihre Ausgestaltung dem Schüler weitgehend selbst zu überlassen.

Die "Grundschrift" ist noch jung. Und es ist unter Grundschullehrern, Didaktikern, Physiologen und Psychologen strittig, ob sie dem komplexen Zusammenspiel von Auge, Hand und Hirn gerecht wird, das einer flüssigen Handschrift zugrundeliegt. Die derzeitige landespolitische Debatte in Hamburg wäre daher eine Gelegenheit, den Wirrwarr der Normschriften - und das Schicksal der Handschrift in Deutschland insgesamt - zu bedenken.