Grundschule für Fünfjährige Überforderte Kleine

Die Einschulung mit fünf wird vielfach propagiert. Doch eine britische Studie weckt Zweifel am Sinn des frühen Schulbesuch. Leistungen und Psyche können darunter leiden.

Von Tanjev Schultz

Eine englische Studie nährt Zweifel daran, ob Kinder schon mit fünf Jahren eingeschult werden sollten. Pädagogen und Politiker in Deutschland sehen sich darin bestätigt, dass man das Einschulungsalter nicht immer weiter nach vorne verlegen dürfe. Die Expertise kritisiert, dass Kinder in England, anders als in Europa üblich, schon mit fünf Jahren in die Schule gehen. Dies sei "pädagogisch kontraproduktiv", heißt es im "Cambridge Primary Review", einer groß angelegten Studie unter Federführung des Bildungsforschers Robin Alexander von der Universität Cambridge.

Vor einer zu frühen "Verschulung" warnte auch der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. Bei Vier- und Fünfjährigen sei ein ganz anderes Lernangebot nötig: "Man kann das Curriculum der Grundschule nicht auf immer jüngere Kinder übertragen", sagte Beckmann.

In Deutschland sind die meisten Kinder zu Beginn der ersten Klasse sechs Jahre alt. Früher lag das Durchschnittsalter bei fast sieben Jahren, mittlerweile werden die Erstklässler wegen flexibler Stichtage und vorzeitiger Einschulungen immer jünger. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) warb erst vor kurzem für eine frühe Einschulung: Die Altersgrenze von sechs Jahren führe dazu, "dass viele Kinder in Deutschland zu spät in die Schule kommen". Am Ende der ersten Klasse hätten sie dann oft keine Lust mehr, weil sie unterfordert seien, sagte Schavan.

Der Bericht aus England mahnt dagegen zu Vorsicht. Kinder könnten leicht überfordert werden. Die Experten empfehlen, die Schulpflicht in England erst mit sechs statt mit fünf Jahren beginnen zu lassen. Für Fünfjährige sei das spielerische Curriculum der Vorschule besser geeignet als die strengeren Anforderungen der Grundschule mit ihrem formalen Fächerunterricht.

Keine "Zuchtanstalten"

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, warnte vor "Zuchtanstalten", in denen schon die Kleinsten unterrichtet würden. Der Kindergarten müsste zwar stärker einen Bildungsauftrag wahrnehmen, "man sollte die Kinder aber nicht einem Beschleunigungswahn aussetzen", sagte Kraus. Kinder würden im sechsten Lebensjahr noch einen gewaltigen Schub machen. Kraus plädierte für flexible Regeln, um das Einschulungsalter an die individuelle Reife des Kindes anpassen zu können.

Zu früh eingeschulte Kinder haben nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) auch geringere Aussichten, nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium zu wechseln. Die Wahrscheinlichkeit sei um etwa ein Drittel geringer, errechneten die Autoren. Ältere Mitschüler seien den Jüngeren nicht nur in den Leistungen überlegen. Die Jüngeren würden auch häufiger Opfer von Gewalt und Mobbing.

Es zählt der Stichtag

In Deutschland gibt es Stichtage, die darüber bestimmen, wann ein Kind schulpflichtig wird. In den meisten Bundesländern werden die Kinder in dem Schuljahr schulpflichtig, in dem sie in den Sommermonaten das sechste Lebensjahr beendet haben. In Bayern sollte der Stichtag auf den 31. Dezember verschoben werden, wodurch das Alter der Erstklässler weiter gesunken wäre. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hat diese Regelung aber zurückgezogen und will es beim Stichtag 30. September belassen. Kinder grundsätzlich schon mit fünf Jahren in die Schule zu schicken, halte er für falsch, sagt Spaenle.

Viele Pädagogen fordern eine verstärkte Vorschulerziehung und eine bessere Verzahnung zwischen Grundschulen und Kindergärten. Der Grundschulexperte Hans Brügelmann von der Universität Siegen nennt die englische Studie einen "ungemein wichtigen Beitrag" zur bildungspolitischen Debatte. Die Empfehlung, das Einschulungsalter anzuheben, dürfe aber nicht missverstanden werden. Ob die Schule mit fünf, sechs oder sieben Jahren beginnen sollte, lasse lässt sich nicht pauschal sagen, betont Brügelmann: "Es hängt davon ab, was in dieser Eingangsstufe gemacht und wie dort gearbeitet wird." Die aus England berichteten Probleme würden vor allem damit zusammenhängen, dass dort in der Ära von Premier Margaret Thatcher eine am Entwicklungsstand der Kinder orientierte Pädagogik aufgegeben worden sei.