Die Universitäten von Wilna, Riga und Tallinn pflegen ihre nationale Identität, suchen aber zugleich den Kontakt zum Westen.
(SZ vom 3.12.2002) Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe will Anke Dormann schlagen: Sie studiert Musik, auf höchstem akademischen Niveau, und lernt gleichzeitig Russisch. Denn das ist die Sprache ihres Idols Peter Tschaikowskij. Sie möchte nicht nur seine Sonaten perfekt auf der Violine spielen lernen, sondern auch die Libretti der Tschaikowskij-Opern im Original studieren können.
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Ausgesucht hat sie sich dazu keineswegs Moskau oder St. Petersburg, jene Städte also, in denen Tschaikowskij zu Weltruhm gelangte, sondern die Musikhochschule der lettischen Metropole Riga. "Dort bin ich mit offenen Armen aufgenommen worden", sagt Anke Dormann, und zählt noch andere Gründe für ihre Wahl auf: Deutsche brauchen kein Visum für die baltischen Staaten, die Einschreibung an der Universität verläuft problemlos, und die Letten sind grundsätzlich deutschfreundlich eingestellt.
Das gilt nicht minder für deren nördliche Nachbarn, die Esten. Die traditionsreiche estnische Universität Tartu ist fast schon zum Mekka für Slawisten geworden, die die umständlichen bürokratischen Prozeduren für ein Studium in Russland umgehen wollen.
Auch für Litauen, den südlichsten der drei baltischen Staaten, haben sich mehrere junge Deutsche als Studienort entschieden. Wieder sind Musiker darunter. Sie preisen die akademische Ausbildung, die sich noch am Drill aus Sowjetzeiten orientiert, und für sie deshalb trotz all des Stresses, der damit verbunden ist, ein besserer Weg zum Erfolg zu sein scheint als das eher liberale System in der Bundesrepublik.
Schön studieren
Und noch etwas wissen die Studienemigranten zu schätzen: die geradezu familiäre Atmosphäre an ihren Instituten. Die Vorlesungen sind nicht überlaufen, an den Seminaren, die sie belegt haben, nimmt im Durchschnitt gerade einmal ein Dutzend Kommilitonen teil.
Gemeinsam ist den Universitäten in den baltischen Staaten auch, dass sie mitten in der Altstadt liegen, die Studierenden also gewissermaßen den Puls ihrer Stadt unmittelbar fühlen können. "Ein wunderbarer Kontrast zu den Glasbetonkästen, in denen die meisten Institute in der Bundesrepublik untergebracht sind", schwärmt Anke Dormann.
Litauer, Letten und Esten streiten sich gern, wer von ihnen wohl die schönste Hauptstadt habe: Wilna, wegen seiner vielen Kirchen und Klöster auch das "Rom des Nordens" genannt, die Hafenstadt Riga mit Backsteinkirchen und Jugendstilhäusern oder das zu Füßen eines Bergs liegende Tallinn, den nicht nur eine Burg, sondern auch eine Kathedrale krönt.
Alle drei Städte sind nach aufwändigen Renovierungen ihrer historischen Zentren jedenfalls wieder zu Juwelen der europäischen Stadtarchitektur geworden, nachdem sie unter der fast ein halbes Jahrhundert währenden sowjetischen Besatzung dem Verfall preisgegeben waren.
Anknüpfen an große Zeiten
Auch die Universitäten im Baltikum, deren Gebäude ebenfalls größtenteils saniert wurden, wollen an vergangene, große Zeiten anknüpfen. Gerade die höheren Lehranstalten waren während der Sowjetära im Würgegriff der Staatsmacht, waren auf allen Ebenen vom KGB infiltriert, weil sie - durchaus zu Recht - als Sammelbecken der antisowjetischen Demokraten und Nationalisten galten.
Vor allem waren sie einem rigiden Russifizierungsprogramm ausgesetzt; Litauisch und Lettisch, die gemeinsam innerhalb der indogermanischen Sprachen die Gruppe der baltischen Sprachen bilden, sowie Estnisch, das außer mit dem Finnischen mit keinem europäischen Idiom verwandt ist, wurden an den Rand gedrängt, gewissermaßen zur Folklore erklärt.
Damit ist es vorbei: In Wilna finden Lehrveranstaltungen und Examina auf Litauisch statt, in Riga auf Lettisch, in Tallinn und in Tartu, noch vor wenigen Jahren beliebteste Universität der baltischen Russen, auf Estnisch. Diese müssen nun indes auch die Landessprache beherrschen - was von vielen jungen Russen eher mit zusammengebissenen Zähnen getan wird.
Igor Schmeljow, Mitglied des russischen Studentenverbandes von Tartu, meint dazu: "Vielen fällt es schwer, eine Sprache zu lernen, die immer als unnütz angesehen wurde, die gerade mal eine oder zwei Millionen Menschen sprechen." So ist es mit dem Estnischen und dem Lettischen. Doch fügt er hinzu: "Wir tun alles, um Bürger der Europäischen Union zu werden!" Deshalb sucht die intellektuelle Elite der Russen, die jeweils etwa ein Drittel der Bevölkerung Estlands und Lettlands ausmachen - in Litauen sind es weniger als zehn Prozent -, nicht die Konfrontation. Sie wollen "Eurorussen" werden, wie man es längst im Baltikum nennt.
Pauken auf Englisch
Die Bildungsminister in den drei kleinen Ostseeländern möchten ihre Studenten und Professoren in den internationalen Wissenschaftsbetrieb eingebunden sehen.
Sie wissen freilich, dass dies kaum gelingen kann, wenn Hochschullehrer ihre Vorlesungen in den Landessprachen halten. Deshalb müssen alle Studenten im Baltikum, unabhängig von der Fachrichtung, eine Fremdsprache belegen. Die meisten wählen Englisch. Da man ohnehin noch Russisch spricht, warten viele Hochschulabsolventen aus dem Baltikum mit sehr guten Kenntnissen von mindestens zwei Fremdsprachen auf. Es wächst damit also eine ernsthafte Konkurrenz für die Studenten aus den EU-Staaten heran.
Umgekehrt wollen die Bildungsminister ihre Hochschulen auch attraktiv für Studenten aus den EU-Staaten machen, die ebenfalls denken, dass die drei Landessprachen für sie eher überflüssig sind. Deshalb werden zunehmend Programme in Englisch, teilweise auch in Deutsch angeboten. Der DAAD erstellt derzeit eine Übersicht über alle Studiengänge, die ohne Kenntnis der Landessprache im ehemaligen Sowjetblock absolviert werden können. Sie wird in Kürze unter www.daad.de unter dem Stichwort "Go East" abrufbar sein.
Allerdings müssen sich Interessenten darauf einstellen, dass die Universitäten in den ehemaligen Sowjetrepubliken meist noch nach althergebrachten Prinzipien funktionieren: Pauken von Fakten, Frontalunterricht, Anwesenheitspflicht, kaum Freizeit. Die Studentenheime sind spartanisch eingerichtet, auch verlangt die Alltagskriminalität in den Transformationsländern ein gutes Nervenkostüm.
Entschädigt wird man dafür durch eine Atmosphäre der Solidarität - Studenten, die bei einem verpatzten Zwischenexamen ihr Stipendium verlieren, wie Dozenten, die nur den Bruchteil von den Gehältern ihrer westlichen Kollegen bekommen, scheint ein gemeinsames Ziel zu verbinden: "In Europa ankommen!"
DFB-Torhüter ter Stegen