Von Tatjana Krieger

Vom Verbalangriff am Ticketschalter bis zum Banküberfall: Die Zahl der Gewalttaten im Job steigt. Wie die Opfer mit den schrecklichen Folgen leben.

Arbeiten ist gefährlich. In Hamburg, hat die SPD-Bürgerschaftsfraktion in ihrer Übergriffs-Analyse gezählt, wurden die Mitarbeiter von Behörden, Bezirksämtern und der Arbeitsagentur im vergangenen Jahr insgesamt 2800 Mal beleidigt, beschimpft und angegriffen. Drogeriemärkte sind immer wieder Ziel von Überfällen. Und nicht selten werden Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen handgreiflich.

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Ein Polizist sichert den Tatort nach einem Banküberfall: Wer nach einem Überfall weiterarbeitet, als sei nichts gewesen, gerät schnell in seelische Not. (© Foto: dpa)

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Wer nach einem Übergriff oder gar Überfall weiterarbeitet, als sei nichts gewesen, gerät schnell in seelische Not. Die Therapeutin Bettina von Schorlemer behandelt in ihrer Frankfurter Praxis Menschen, die Attacken am Arbeitsplatz erlebt haben. "Die Folgen reichen bis zur posttraumatischen Belastungsstörung", erklärt sie und zählt auf, wie man eine solche Symptomatik erkennt: "Wer nach einem Angriff dauerhaft unter Schlafstörungen leidet, an Freudlosigkeit und Gleichgültigkeit, wer reizbar wird und Wutausbrüche bekommt, die er nicht mehr kontrollieren kann, sollte sich professionelle Hilfe holen."

Mit Alkohol beruhigen

Das Problem: Oft treten diese Anzeichen erst Wochen nach dem Erlebten auf, das Opfer stellt den Zusammenhang mit dem auslösenden Ereignis nicht mehr her. Wer dann nicht reagiert, läuft Gefahr, in eine chronische Depression abzugleiten. Oft entsteht auch eine Suchterkrankung, weil sich die Betroffenen mit Alkohol zu beruhigen versuchen oder Tabletten beim Einschlafen helfen sollen. "Das kann zu einer kompletten Lebensunfähigkeit führen", sagt Schorlemer.

Ob man eine posttraumatische Belastungsstörung erleidet, hängt von den eigenen Schutzmechanismen ab. "Menschen, die aus einem stabilen Umfeld stammen und sich in einem festen sozialen Netz aus Familienmitgliedern und Freunden bewegen, haben eine größere Krisenfestigkeit", sagt die Therapeutin. "Schwer ist es für die typischen Glückspilze im Leben. Die fallen dann oft um." Immer wieder leichte Krisen durchlebt und bewältigt zu haben, hilft also. Daraus entstehen innere Stärke, Vertrauen zu sich selbst und Mut, der erlernte Bewältigungsstrategien in Gang setzt.

Die Übermächtigkeit des Täters

Fatal wirkt es sich aus, wenn man aufgrund einer Angststörung Vermeidungsstrategien entwickelt. Traumatisierte Personen vermeiden dann bestimmte Wege am Arbeitsplatz oder erscheinen erst gar nicht mehr zum Dienst. "Bei einer Gewalttraumatisierung ist es die Aufgabe der Therapie, das verlorengegangene Gefühl für Sicherheit wiederaufzubauen", erklärt Professor Willi Butollo, der in München das Institut für Traumatherapie leitet.

Mit Hilfe von Kontakt- und Wahrnehmungsübungen wird das subjektive Sicherheitsgefühl wieder gestärkt. Anschließend rekonstruieren Patient und Therapeut die Abläufe der Tat. "Der Patient bekommt dadurch einen realistischen Blick", so Butollo. Im Rollenspiel wird das Erlebte schließlich in eine Narration, eine Erzählung, eingebaut. "Wichtig ist, dass diese Geschichte ein Ende hat, an dem das Opfer den Täter zurückweist. Die Übermächtigkeit des Täters schrumpft dann auf ein Normalmaß." Wenn alles gutgeht, kann das Überfallopfer wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren.

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