Uwe Brustmeier aus Gummersbach erstattete in diesem Jahr eine Anzeige gegen den Sportlehrer seiner Tochter Hannah. Der Lehrer habe einer Schülerin, die sich im Schwimmunterricht am Beckenrand festhielt, auf die Hände getreten. Nun darf der Lehrer diese Klasse nicht mehr unterrichten. Uwe Brustmeier befürchtet jedoch, dass der umstrittene Lehrer an der Schule bleiben darf und seine Tochter ihn in höheren Klassen wiedertreffen wird.

Anzeige

In Cloppenburg wurde eine Schulleiterin im vergangenen Jahr zu einer Haftstrafe verurteilt, weil sie eine Schülerin geschubst und anschließend Druck auf das Mädchen ausgeübt hatte, ihre Anzeige zurückzunehmen. In Baden-Württemberg kündigte Anfang des Jahres eine Schule einer Erzieherin, weil diese Kinder aufgefordert hatte, einen Mitschüler zu ohrfeigen.

In der Nähe von Limburg läuft seit Monaten ein Disziplinarverfahren gegen zwei Grundschullehrer, die über Jahre hinweg Schüler geschlagen und getreten haben sollen. Die Lehrer sind vom Dienst suspendiert; das Verfahren läuft noch, ebenso wie ein strafrechtlicher Prozess.

Viele Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Lehrer werden am Ende abgewiesen. Die Beweisführung ist meist schwierig; oft werden die Lehrer einfach an eine andere Schule versetzt. Die Schulaufsicht muss auch verhindern, dass ein Pädagoge zu Unrecht bestraft und sein Ruf beschädigt wird. Petra Litzenberger ärgert sich aber darüber, dass Eltern, die sich wehren, oft als Querulanten hingestellt würden. Sie glaubt, dass viele Fälle unter den Teppich gekehrt werden.

Zu viel Nähe

Der Psychoanalytiker und Erziehungswissenschaftler Kurt Singer, der Lehrer coacht, sagt sogar: "Schulbehörden, Politiker und Lehrerverbände versuchen alles, um kritisches Nachdenken über pädagogisch unakzeptables Lehrerverhalten zu unterdrücken." Er sei einmal von einem Lehrerverband zu einem Vortrag über Gewalt in der Schule eingeladen worden. Als er vorschlug, auch die Gewalt von Lehrern zu thematisieren, sei er wieder ausgeladen worden.

Es sind nach Einschätzung von Singer nicht unbedingt die strengen Lehrer, die gewalttätig werden. Gefährlich sei es, wenn die nötige Distanz zwischen Pädagoge und Schüler fehle: "Durch zu viel Nähe werden Grenzen überschritten und das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler rückt in einen unangemessen persönlichen Bereich." Entsprechend überzogen könnte ein Lehrer reagieren, wenn ihn ein Schüler enttäuscht.

Nicht nur Schläge, auch Sprüche wie "Du lernst das nie!" oder "Du gehörst auf die Sonderschule!" können verheerende Folgen haben. Kinder und Eltern berichten von Schulangst und psychosomatischen Erkrankungen.

Aber auch Pädagogen, die ausrasten, haben offenbar ein Problem. "Man würde überforderten Lehrern helfen, wenn man mit dem Thema Mobbing und Gewalt offener umginge", sagt Kurt Singer. Lehrer, die sich bei Konflikten mit Schülern nicht anders zu helfen wüssten, als sie zu verletzen, bräuchten dringend psychologische Hilfe.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Wenn der Lehrer ausrastet
  2. Sie lesen jetzt Wenn der Lehrer ausrastet
Leser empfehlen 

(SZ vom 01.12.2008/sonn)