Gesundheitsberufe an der Universität Mediziner wehren sich gegen die Neuerung

Danach übernehmen sie aber gleich wieder das ärztliche Rollenbild. "Das ist mit unserer Empfehlung nicht gemeint", sagt Heinze. "Es geht nicht darum, sich Kompetenzen streitig zu machen oder Aufgaben wegzunehmen, sondern von Beginn an auf gleicher Höhe im Team zu Entscheidungen zu kommen." Wenn in einem Betreuer-Team von fünf bis zehn Pflegekräften und Therapeuten einer akademisch qualifiziert ist, könne das schon ausreichen und für die optimale Krankenbetreuung sehr dienlich sein.

Die Widerstände der Ärzteschaft gegen jede Art von Veränderung sind traditionell ähnlich groß wie beim Militär oder in der Katholischen Kirche. Doch auch unter Medizinern gibt es Befürworter.

"Natürlich brauchen wir nach wie vor die vielen tüchtigen Mitarbeiter, die sich in der klassischen Pflege engagieren", sagt Hartwig Bauer, langjähriger Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. "Aber es ist sinnvoll, auch in der Pflege Führungskräfte auszubilden, neue Teamformen auszubauen und eine vernünftigere Arbeitsteilung anzustreben. Dazu könnte die Akademisierung sicherlich etwas beitragen."

Widerstand der Ärztekammern

Allerdings sind nicht alle Ärzte so offen für den Bruch mit der medizinischen Tradition und Folklore, in der die Schwester willig die Weisungen des Arztes entgegennimmt, Türen bei der Visite öffnet, Betten wechselt und trotz wüster Schmähungen des Essens weiterhin mit Engelsgeduld Schmelzkäseecken an Graubrot serviert. "Es gibt die ziemlich rigide Haltung etlicher Ärztekammern, wonach die Akademisierung der Pflegeberufe unnötig ist", sagt Hartwig Bauer.

Ein wiederkehrendes Argument dagegen sei, dass die Weiterbildung der Ärzte behindert wäre, wenn besser ausgebildete Pflegekräfte und die Mitglieder anderer Gesundheitsfachberufe ursprünglich ärztliche Aufgaben übernehmen. "Das ist doch Unsinn, gerade bei Routineaufgaben", sagt Bauer. "Wenn ein Arzt 150mal eine Bauchdecke zugenäht hat, hält sich der Weiterbildungsaspekt für ihn sicher in Grenzen."

In nur wenigen Ländern sind die Aufgaben der Pflegekräfte medizinisch so begrenzt wie in Deutschland. In Großbritannien gibt es längst den "surgical care practitioner", der bei Operationen assistiert, schon mal den Wundverschluss macht und auf der Intensivstation therapeutische Aufgaben übernimmt. Auch in der Schweiz werden den Pflegekräften etliche Aufgaben wie die Gabe von Spritzen zugetraut, die in Deutschland traditionell von Ärzten übernommen werden.

Die aktuelle Debatte darüber, ob Rettungssanitäter nicht auch ursprünglich ärztliche Aufgaben am Unfallort übernehmen dürfen, zeigt, dass die Diskussion endlich auch in Deutschland angekommen ist.

"Pflege braucht Eliten"

Für die Patienten hätte naheliegende Vorteile, wenn eine feste Quote der Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen akademisch ausgebildet wäre. "Im Krankenhaus will ich doch nicht nur gutes Essen und freundliche Krankenschwestern haben", sagt Anne Friedrichs. "Ich will neben den Ärzten auch in den anderen Bereichen Fachleute, die gar nicht gut genug sein können, damit ich schnell wieder gesund werde und bald nach Hause kann."

Wenn die auf diese Weise ausgebildeten Teams tatsächlich besser kommunizieren und sich abstimmen, wäre das zweifellos zum Nutzen der Patienten. "Pflege braucht Eliten", sagt Friedrichs.

Hans-Jochen Heinze unterstreicht einen weiteren Punkt, von dem die Patienten profitieren würden: "Wenn bisher vom medizinischen Fortschritt die Rede war, wurden doch zumeist nur die letzten molekularen Entwicklungen oder neue Formen der Bildgebung betont - der Mensch wurde auf immer kleinere Teilaspekte reduziert. Mit unseren Empfehlungen wird hingegen endlich der ganzheitliche Umgang mit dem Menschen betont - und wir würdigen die Pflege."