Arbeitszeugnis Geheimcodes im Zeugnis

sueddeutsche.de: Arbeitszeugnisse in Deutschland sollen immer wohlgesonnen klingen. Wie verstecken Arbeitgeber ihre Kritik?

Die Beurteilung der eigenen Leistung im Arbeitszeugnis kann trügen. Kritik kommt oftmals in freundlichen Worten daher.

(Foto: ddp)

Janßen: Dafür gibt es mehrere Techniken. Eine davon ist die Leerstellentechnik, das beredte Schweigen. Wenn ich mit etwas unzufrieden war, lasse ich es im Zeugnis einfach weg. Wenn ich zum Beispiel nichts zur Arbeitsbereitschaft des Arbeitnehmers schreibe, weiß der Leser des Zeugnisses, dass es hier Probleme gab. Oder ich wende die Reihenfolge-Technik an: Wenn ich in der Verhaltensbewertung schreibe, "sein Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten war vorbildlich", dann zeigt das, dass es eben nicht so war - denn eigentlich müssten die Vorgesetzten in dieser Aufzählung an erster Stelle stehen. Das Gleiche gilt bei der Beschreibung der Tätigkeiten. Generell sollten die wichtigen Aufgaben zuerst genannt werden. Wenn im Zeugnis einer Sekretärin an erster Stelle steht: "Zu ihren Aufgaben zählte das Öffnen der Post und das Bewirten der Gäste", dann heißt das eigentlich "Die Mitarbeiterin ist nur für einfache Aufgaben zu gebrauchen."

sueddeutsche.de: Welche Kritik-Techniken gibt es noch?

Janßen: Die Negationstechnik erkennen viele beim Lesen ihrer Arbeitszeugnisse nicht. Indem Negativbegriffe verneint werden, entsteht zwar ein positiver Eindruck, geäußert wird dadurch aber Kritik: Zum Beispiel "Sein Verhalten war tadellos" - warum nicht "Sein Verhalten war vorbildlich"? Ein ähnliches Beispiel: "Er erzielte nicht unerhebliche Verkaufserfolge" anstatt "Er erzielte sehr gute Verkaufsergebnisse". Diese Formulierungen werden manchmal aber auch versehentlich verwendet, weil die Zeugnisschreiber sich der negativen Konnotation nicht bewusst sind. Deshalb sollte man nachfragen und gegebenenfalls eine Änderung vornehmen lassen.

sueddeutsche.de: Welche Formulierungen sollten in keinem Zeugnis stehen?

Janßen: Es gibt sogenannte Geheimcodes, denen eine negative Aussage zugeschrieben wird. Sätze wie "Er war ein anspruchsvoller und kritischer Mitarbeiter" bedeuten demnach, es handelt sich um einen Nörgler. Und "Wir lernten sie als umgängliche Mitarbeiterin kennen" hieße einfach, die Frau sei unbeliebt gewesen. Aber so einfach ist das oft nicht - im Gesamtkontext eines Zeugnisses muss eine solche Aussage nicht zwangsläufig negativ sein. Es sollte also immer das gesamte Zeugnis untersucht werden, nicht nur einzelne Sätze.

sueddeutsche.de: Sie haben vorhin die Schlussformel des Zeugnisses erwähnt, lässt sich daraus eine Bewertung lesen?

Janßen: Die Schlussformeln sind besonders wichtig. Neben guten Wünschen sollte ein Dank an den Mitarbeiter nicht fehlen und sein Ausscheiden bedauert werden - wenn es sich um ein gutes Zeugnis handelt. Derartige Aussagen sind allerdings freiwillig und können nicht vom Arbeitnehmer eingefordert werden. Auch ist zu berücksichtigen, dass es hier ebenfalls Abstufungen auf der Positivskala gibt, ähnlich wie bei der Zufriedenheitsformel. "Danke für die Mitarbeit" entspricht beispielsweise der Schulnote vier, "Danke für die gute Mitarbeit" der Schulnote drei. Eine zwei wäre "Danke für die stets gute Mitarbeit" und eine eins "Danke für die stets sehr gute Mitarbeit".

sueddeutsche.de: Wie lange nach Ausstellung darf man noch Änderungen an einem Arbeitszeugnis fordern?

Janßen: Es ist jedem Arbeitnehmer anzuraten, sein Zeugnis möglichst zeitnah zu reklamieren, denn neben der Verjährung nach drei Jahren gibt es noch den Umstand der Verwirkung, der sehr viel schneller eintritt und von den Gerichten manchmal schon nach ein paar Monaten als gegeben angesehen wird.

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