Gespräch mit Nobelpreisträger Heckman "Die Mittelschicht soll Gebühren zahlen"
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Der Nobelpreisträger James Heckman spricht über Bildung, Chancengleichheit und ein kleines Programm mit enormen Effekten.
James Heckman, geboren 1944, erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für Ökonomie. Der Amerikaner, der im Alter von 29 Jahren zum Professor an der University of Chicago berufen wurde, interessiert sich weniger für Konjunkturzyklen oder die Entwicklung der Inflation - Heckmans Thema ist das Verhalten des Einzelnen und der politisch-wirtschaftliche Einfluss darauf: Was taugen Förderprogramme für Minderheiten? Wie reagieren Menschen auf Steuererhöhungen? Wovon hängt es ab, ob verheiratete Frauen einen Job suchen? Heckmans Analysen sind statistisch ausgefeilt; den Nobelpreis erhielt er für eine Methode, welche die Fehlinterpretation von Daten verhindern hilft. Heckman versucht, die Ergebnisse von Psychologen, Neurowissenschaftlern und Biologen in seinen Arbeiten zu berücksichtigen. In Deutschland kooperiert er mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (ZEW), wo er am 15. Mai einen Vortrag halten wird.
James Heckman: "Wenn man benachteiligte Kinder sehr früh fördert, sind die ökonomischen Effekte enorm."
(Foto: Foto: www.seyboldtpress.de)SZ: Ich habe ein paar Tabellen mitgebracht, die Ihnen gefallen dürften.
James Heckman: Die sind wirklich faszinierend. Das "Perry Preschool Project", ein Vorschul-Experiment in Ypsilanti, USA, im Jahr 1967. Als ich die Ergebnisse zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich das nicht glauben.
SZ:Die Perry-Wissenschaftler haben 120 drei- bis vierjährige Kinder ausgewählt, die unter sehr schwierigen Bedingungen aufwuchsen ...
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Heckman: Sie kamen aus afro-amerikanischen Elternhäusern und hatten einen niedrigen IQ. Ihre Mütter hatten oft keine Arbeit; viele waren alleinerziehend. Die 120 Kinder wurden in zwei Gruppen geteilt - die einen kamen in eine gute Vorschule, die anderen nicht. Welche Unterschiede dadurch entstanden, wurde später alle paar Jahre überprüft. Die jüngste Erhebung war erst vor wenigen Jahren. Inzwischen gehen die Kinder von damals auf die fünfzig zu.
SZ:Angeblich sind die mit der guten Vorschule heute seltener kriminell, haben höhere Schulabschlüsse, verdienen mehr Geld und haben häufiger Nachwuchs. Und das alles wegen ein bisschen Kindergarten?
Heckman:Als ich das gelesen habe, war ich höchst skeptisch. Ich habe schon viele Sozialstaats-Programme für Arbeitslose überprüft und dabei festgestellt, dass die Erfolgsbilanzen oft nicht stimmten: Wenn man die Daten genauer evaluierte, blieb von den Erfolgen kaum etwas übrig. Logisch, dass mir das "Perry Preschool Project" seltsam vorkam: Wie kann ein so kleines Programm so enorme Effekte haben? Ein Teil von mir hat gehofft, dass die Erfolge echt wären - aber der Wissenschaftler in mir hat gesagt: Das musst du dir genauer anschauen.
SZ:Und: Wurde der Wissenschaftler überzeugt?
Heckman:Ich habe die gesamten Daten bekommen und nochmal analysiert. Dabei zeigte sich: Die Geschichte war im Wesentlichen korrekt; oft waren die Effekte sogar stärker als die, die die Erfinder von "Perry Preschool" ermittelt haben.
SZ:Die Männer aus der Vorschulgruppe hatten im Alter von 40 Jahren halb so oft Drogenprobleme wie die anderen. Und die Zahl der Männer, die häufig im Gefängnis saß, war fast um die Hälfte niedriger. Was muss man mit kleinen Kindern machen, um solche Unterschiede hervorzurufen? Eine Gehirnwäsche?