Und sie sind auch in den Eliten präsenter. Das Problem der Arbeitslosigkeit war im Westen schon seit Jahrzehnten bedrückend, auch zu Wachstumszeiten, doch nun hat es sich in ungekannter Weise in Akademikerkreise hineingefressen. Dadurch erfährt es stärkere Potenzierung in den Medien, deren Vertreter dort sozialisiert sind. Deswegen hört man so häufig die verschreckte Analyse: Wenn schon hochqualifizierte, flexible Leute keinen Job finden (gemeint ist: Leute wie wir), dann muss die Lage ja wirklich dramatisch sein. Dass die Akademiker nicht das größte Problem sind und immer noch leichter Arbeit bekommen, dass von den Arbeitslosen 37 Prozent gar keine Ausbildung haben, das blenden diese Beschreiber oft aus; und wer will es ihnen verdenken, denn dem brotlosen Kunsthistoriker oder Architekten ist mit solchen Relativierungen auch nicht geholfen.

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Globale Konkurrenz und besser sichtbare Massenarbeitslosigkeit erhöhen für den Arbeitsplatzinhaber nicht bloß den politisch-moralischen Druck, dass diesen armen Menschen geholfen wird. Die Pression richtet sich gegen die Beschäftigten selbst, gegen das, was Arbeit bedeutet. In jüngster Zeit haben spektakuläre Fälle der Verlagerung, Schließung oder der Drohung damit, von Opel bis Karstadt, die gewerkschaftlichen Ansprüche auch in ihren klassischen Bastionen entwertet. Überall Lohnkürzung, Mehrarbeit, Tarifflucht. Die alte Kapitalistendrohung, hierzulande überwunden geglaubt, zieht wieder: Da draußen stehen Tausende auf der Straße, die würden deinen Job für die Hälfte machen. Sei froh, dass du Arbeit hast. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Industriebeschäftigten wieder um 1,8 Prozent gesunken.

. . . andere schreiben Bücher

Soziologen und Philosophen versuchen schon seit längerem, uns für eine vermeintliche Überwindung der "Arbeitsgesellschaft" zu rüsten. Kritik daran, den Vollzeitjob zum alleinigen Maßstab zu nehmen, gab es in den achtziger Jahren von Jürgen Habermas. Ralf Dahrendorf fragte auf dem Soziologentag 1982: "Wie bestimmt sich eigentlich die soziale Identität von Menschen, wenn sie sich nicht mehr durch ihren Beruf beschreiben können?"

Vielfach verfolgt man das Ziel, die Dominanz des neuzeitlichen Arbeitsbegriffs aufzubrechen und Lebensweisen, die nicht durch lohnabhängige Arbeit strukturiert sind, "zivilgesellschaftlich" aufzuwerten. Auf verschiedenen theoretischen Wegen gelangen Soziologen wie Ulrich Beck, Michael Opielka und Wolfgang Engler zu der Forderung eines "Bürgergelds", einer "Grundsicherung" - eines Instruments also, das mit der freien Marktwirtschaft, in der Arbeit den "wahren Maßstab des Tauschwerts aller Güter" darstellt (Adam Smith), kaum vereinbar ist.

Dahinter steht der fast etwas hilflos wirkende Antrieb, der letztlich unüberwindbaren Grausamkeit des Gegensatzes zwischen Arbeitenden und Arbeitssuchenden mildernd abzuhelfen. Dem entsprechen auf beiden Seiten kulturelle Aufweichungsambitionen. Dem seriellen Regiment, das im täglichen Gang zur Arbeit besteht, wird individueller Lebenssinn entgegengestellt, schließlich denkt der Arbeitsplatzinhaber nicht unablässig an Geld, Pflicht und seine ökonomische Rolle, sondern auch an Inhalt und Erfüllung.

Das Glück der Arbeit, seit der Aufklärung beschworen, hat seinen Extremtypus in den Glanzzeiten der New Economy gefunden, die notorische Formen der Identifizierung von Leben und Arbeit produziert hat. Eine andere Lösung ist es, als Büroangestellter Tätigkeit nur vorzutäuschen, wie es die Französin Corinne Maier in ihrem Bestseller "Bonjour Paresse" ("Die Entdeckung der Faulheit") vorgeschlagen hat.

Auffällig häufen sich auch die komplementären Vorhaben, das Unglück des Nichtstuns in ein Lob desselben umzumünzen, im Anschluss an die aristokratische Muße der Antike oder an Paul Lafargues Traum vom "Lob der Faulheit" von 1883. Hierher gehört Eberhard Straubs "Vom Nichstun" ebenso wie Alexander von Schönburgs "Die Kunst des stilvollen Verarmens". Oder auch das Buch "Kleine Brötchen: Von den Vorzügen ohne feste Anstellung zu sein" von Achim Schwarze, dem Ex-Marketingchef einer liquidierten Internetfirma, der die Lebenskunstliteratur mit dem Wiedererlernen von Einsichten wie der fortschreibt, dass "das Kaffeehausleben einen besonders hohen Luxuseffekt pro eingesetztem Euro liefert". Auch manche Figur in der jüngeren deutschen Literatur scheint in diese Welt zu passen.

Doch all das riecht ein wenig nach Ästhetisierung des Mangels durch die höheren Stände, die dann doch immer ein paar "Projekte" laufen haben. Ein entlassener Industriearbeiter kann damit nichts anfangen, und die neuen Fronten in der Gesellschaft kann man so auf Dauer nicht verstellen.

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(SZ vom 18.8.2005)