Spielregeln für Texte

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Als ihm ein Student 1981 den Fragebogen von Marcel Proust vorlegte, antwortete Perec auf die Frage, was er gern wäre, "Homme de lettres", was er aber ganz wörtlich definierte, als: "Mann, dessen Beruf die Lettern des Alphabets sind".

Georges Perec war Teil der Oulipo-Gruppe um Raymond Queneau ("Oulipo" ist die Abkürzung von L'Ouvroir de Littérature Potentielle, also Werkstatt für potentielle Literatur). Deren Ziel war die "Spracherweiterung durch formale Zwänge", denen insbesondere Georges Perec sich hingebungsvoll unterwarf: Er machte es sich zur Aufgabe, jeden seiner Texte formal nach anderen Spielregeln zu gestalten. In seinem Roman "La disparition" (Das Verschwinden) geht es vordergründig um das Verschwinden der Hauptfigur Anton Voyl - vor allem aber geht es darum, dass in dem Text die Hauptfigur unter den Buchstaben fehlt: Perec hat es geschafft, einen ganzen Roman zu schreiben, ohne dass der Buchstabe E auch nur einmal vorkäme. Berühmt ist auch sein "Tentative d'epuisement d'un lieu parisien", also etwa "Erschöpfende Beschreibung eines Pariser Ortes".

Ein stehender Sturmlauf

Bei all diesen Texten wird die formale Grundregel jeweils schon im Titel angedeutet. Dieses Büchlein nun heißt auf Französisch: "L'art et la manière d'aborder son chef de service pour lui demander une augmentation." Augmentation kann man auch übersetzen als Erweiterung oder Erhöhung. Wir haben es also mit der Kunst der Erweiterung zu tun: Indem Perec in erschöpfender Durchführung alle Variablen hintereinander durchspielt, macht er die Übersichtlichkeit des Organigramms völlig zunichte. Was auf dem Organigramm als so patenter wie einfacher Weg zum Erfolg erscheint, wird im Text zum stehenden Sturmlauf, wie es bei Kafka, dem anderen Fachmann für das Leben in unübersichtlichen Organisationen, einmal heißt.

Gleichzeitig könnte man das kleine Buch mit seiner monoton kleinen Schreibweise auch so deuten, dass Perec einem das Kleingedruckte des Lebens vorführt, das Kleingedruckte, das einem ja in den meisten Fällen nur Nachteile bringt: Am Ende des Büchleins, nach all den vergeblichen Versuchen, ist der Angestellte derart gealtert, dass er ohnehin nur noch drei Monate bis zur Pensionierung hat. Wozu da noch eine Gehaltserhöhung?

Georges Perec: Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihm um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart 2009. 112 Seiten, 14,90 Euro.

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(SZ vom 11.8.2009/bön)