Zu Zeiten, als es noch so etwas wie eine Bohéme gab, entwickelte sich in den Außenposten des Bürgertums eine Kultur, die aus der Unsicherheit wenigstens noch kreative Energie zog. Heute treffen die Jungen die Unsicherheit innerhalb des Systems an. Mit dem Gefühl, sich in eine Nische zurückziehen zu können, haben sie auch die Utopie verloren, dass es eine Kultur jenseits dieses Systems geben, dass Arbeit nur das halbe Leben sein könnte. "Und alle unsere Geistesgaben kommen gar nicht mehr zum Tragen, weil wir schon seit jungen Tagen, so gar keinen Ehrgeiz haben, unsere Haut zu Markt zu tragen", singt die Berliner Band Britta. Das Problem an diesem Ton ist nicht, dass er bei aller Frechheit etwas larmoyant klingt, sondern dass er sich in die Rolle des Opfers flüchtet - und verhindert, dass sich die prekär Beschäftigten noch als Handelnde begreifen.

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Selbstverständlich gibt es diejenigen, die keine Wahl haben, die trotz allen Engagements von einem Job zum anderen springen müssen. Die, obwohl hoch qualifiziert und motiviert, schlicht nicht gebraucht werden. Doch gerade diese Gruppe bräuchte einen Mentalitätswechsel unter den urbanen Freiberuflern am dringendsten. Ein neuer Habitus könnte darin bestehen, dass die Betroffenen Praktika nicht mehr als universale Platzhalter in ihrer Erwerbsbiografie ansehen, sondern als Mittel zu einem selbst gesetzten Zweck. Dann führten Partygespräche über Praktika nicht mehr nur zu Nicken und Nippen, sondern zur Frage, was eine Hospitanz denn nütze - ob sie einen Job, neue Kontakte, Lern- oder - wichtiger noch - Lebenserfahrung brächte. Die Antwort wäre oft negativ. Und in dieser Erfahrung liegt eine Chance.

Den wirklich Ungebrauchten würde sie vom Stigma entlasten, ein Versager zu sein, wenn er seine Energie nicht länger mit unnützen Praktika verschwenden will. Den Anderen führte sie dagegen vor Augen, was die Berufsberaterin Uta Glaubitz als die eigentlichen Probleme der Angehörigen der Generation Praktikum ansieht: Orientierungslosigkeit bei gleichzeitiger Unerbittlichkeit mit sich selbst. Glaubitz hat den ersten Bewerbungsberater speziell für die "Generation Praktikum" geschrieben. Er erscheint Mitte Mai im Heyne Verlag. Glaubitz sagt: "Noch heute nutzen die meisten die Zeit der Praktika als berufliche Pubertät." Statt sich Ziele zu setzen, probierten viele Praktikanten erst einmal alle möglichen Branchen aus - und jammerten dann, sie bekämen keinen Traumjob. "Dabei braucht man dafür erst einmal einen Traum", sagt Glaubitz. Und die Erkenntnis, dass es im Berufsleben auch Rollen jenseits vom "Opfer des Arbeitsmarkts" und dem "Held der Arbeit" gibt, der einen kreativen, familientauglichen Beruf inklusive privater Rentenvorsorge hat. Denn das ist das zweite Problem. Selbst wer sich seinen Traum nicht erfüllen kann, ist nicht sofort Opfer, sondern zunächst nur gewöhnlich. Dieses Bewusstsein scheint manchem Party-Praktikanten abhanden gekommen zu sein.

Den prekär Beschäftigten bleiben im Grunde zwei Möglichkeiten: mehr Mut und mehr Wut. Ein angesichts der Lage paradoxes Selbstbewusstsein gegenüber den Arbeitgebern. Und der Keim eines Willens, nicht nur durchzukommen, sondern die Arbeitsverhältnisse zu verändern.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die prekär Beschäftigten zu einer neuen sozialen Bewegung schmieden lassen, wie manche Redner am 1. Mai hofften. Allerdings könnte die Wut der Prekaristen dazu führen, dass sich Leute wie Markus Kreipl von Einzelfällen zu einer Minderheit entwickeln. Schon das brächte mehr Unternehmen dazu, Praktikantenjobs in reguläre Arbeitsstellen zu verwandeln als das heute verbreitete Klagen.

In ihrem Bewerbungsbuch empfiehlt sogar Berufsberaterin Uta Glaubitz, sich nach etwa drei Praktika selbst eine Kündigung zu schreiben. Etwa so: "Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Sie wegen Überqualifikation nicht weiter als Praktikantin beschäftigen können. Wir kündigen daher Ihren Aushilfsstatus zum 30. März und schlagen Ihnen vor, sich nun eine richtige Stelle zu suchen." Das ist vielleicht keine Lösung, aber ein Anfang.

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  1. Mehr Mut, mehr Wut
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(SZ vom 2.5.2006)