Generation Praktikum Bis alle Menschen Praktikanten sind...

Der Kabarettist Marc-Uwe Kling hat mit einem Text über die Generation Praktikum den Poetry-Slam gewonnen. Im Interview spricht er über die Unverschämtheiten der Arbeitgeber - und den Fehler, sich ausbeuten zu lassen.

Interview: Marko Belser

Der Bundestag debattierte am Donnerstag auf Antrag der Grünen und der Linkspartei über die Besserstellung von Praktikanten. Auslöser war eine gemeinsame Online-Petition der DGB-Jugend und des Vereins fairwork, die 60.000 Unterschriften erzielte. Auch Marc-Uwe Kling hat sie unterschrieben. Der Berliner ist kein Praktikant. Dennoch hat er sich intensiv mit der Thematik beschäftigt. Mit seinem Stück "Generation Praktikum" errang Kling die deutsche Poetry-Slam Meisterschaft 2006.

"Bis alle Menschen Praktikanten sind": Marc-Uwe Kling.

(Foto: Foto: www.marcuwekling.de)

sueddeutsche.de: In Ihrem Text "Generation Praktikum" schildern Sie ein Bewerbungsgespräch. Darin wird von Seiten einer Filmproduktionsfirma angekündigt, dass der Praktikant mit dem eigentlichen Produktionsprozess nichts zu tun haben und selbstverständlich unentgeldlich tätig sein wird. Ist das nur Fiktion, oder fand dieses Gespräch tatsächlich statt?

Kling: Dieses Vorstellungsgespräch hat in der Tat stattgefunden. Es ist ja gang und gäbe, dass Unternehmen dem potentiellen Praktikanten schon vorab in Aussicht stellen, Kaffee zu kochen oder Briefe zu öffnen. Ohne finanzielle Vergütung versteht sich. Das ist eine absolute Unverschämtheit. Solche Praktika sollte man ablehnen. Ich habe das jedenfalls gemacht.

sueddeutsche.de: Wie kann man die Lage von Praktikanten verbessern?

Kling: Das Problem bei der Generation Praktikum ist, dass sie sich selbst reproduziert. Praktikanten, die es irgendwann geschafft haben und selbst am Hebel sitzen, stellen selbst wieder unbezahlte Praktikanten ein. Es ist wie bei Kindern, die von ihren Eltern geschlagen wurden und später selber schlagen. Diesen Teufelskreislauf muss man durchbrechen.

sueddeutsche.de: Wie könnte dies gelingen?

Kling: Ein Gesetz wäre natürlich der einfachste Weg die Situation zu verbessern.

sueddeutsche.de: Was wären Ihre Forderungen für solch einen Gesetzesentwurf?

Kling: Mindestlöhne halte ich generell für eine sinnvolle Forderung. Denn nicht nur unbezahlte Praktika sind eine Schweinerei. Genauso unverschämt finde ich, dass eine Kellnerin in Berlin für 3,50 Euro die Stunde arbeitet. Problematisch sehe ich bei der Thematik Praktika vor allem, dass viele Arbeitsverhältnisse als Praktikum bezeichnet werden, die diese Bezeichnung gar nicht verdienen. Denn ein Praktikum sollte in erster Linie ein Lernverhältnis sein, was es oft aber nicht ist. Stattdessen wird der Praktikant benutzt für Tätigkeiten, die eigentlich von einer regulären Stelle abgedeckt werden sollten. Dies müsste man gesetzlich verhindern.

sueddeutsche.de: Die gesetzliche Definition eines Praktikums und eine Mindestvergütung sind zentrale Forderungen der Praktikums-Petition und wurden von den Grünen und der Linkspartei in ihre Anträge übernommen.

Kling: Selbstverständlich stimme ich dieser Petition zu. Sonst hätte ich sie ja nicht unterschrieben. Ich habe den Text über die Generation Praktikum schon Anfang 2005 geschrieben. Seit dem ist das Thema immer aktueller geworden. Jetzt werden die Anliegen konkreter. Die Petition ist sicher ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch für eine wirkliche Verbesserung bedürfte es grundlegender Änderungen.

sueddeutsche.de: Welche meinen Sie? Kling: Man müsste am gesamtgesellschaftlichen Klima, das gerade herrscht, schrauben. Jeder ist anscheinend nur noch soviel wert wie sein Arbeitsplatz. Daraus resultiert ein Druck, der Praktikanten unverschämte Arbeitsbedingungen tolerieren lässt.

sueddeutsche.de: Und Sie betrachten sich als Teil des Schraubenziehers?

Kling: Die einzige Möglichkeit, die man als Künstler hat, ist auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Das Ding ist nur, dass auf der anderen Seite ganz viele Leute das Rad in die andere Richtung drehen. Diese Leute stellen wiederum Praktikanten ein, die ihnen auch noch dabei helfen. Zu viele Praktikanten akzeptieren die Verhältnisse, mit denen sie konfrontiert werden, als gottgegeben. Anstatt Praktika unter bestimmten Bedingungen erst gar nicht anzunehmen.

sueddeutsche.de: Ihr Beitrag "Generation Praktikum" ist also ein Aufruf zum Widersand?

Kling: Definitiv.