Beim Exzellenzwettbewerb sind die Geistes- und Sozialwissenschaften kaum zum Zuge gekommen. Nun liegt die Hoffung auf der nächsten Runde.
Bereits nach der Vorauswahl beklagten sich Geistes- und Sozialwissenschaftler, weil nur wenige ihrer Anträge weiterkamen. Die Bilanz nach dem ersten Finale ist düster. Der Politologe Michael Zürn, selbst Mitglied der Auswahlkommission, hofft auf die zweite Runde. Zürn ist Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin und Dean der Hertie School of Governance.
Anzeige
SZ: Sind Sie enttäuscht über das schlechte Abschneiden der Geistes- und Sozialwissenschaften?
Zürn: Ja, bin ich. Von 18 Graduiertenschulen kommen nur vier aus den Geistes-, Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften. Bei den Clustern hat es nur ein Einziger geschafft. Im Vergleich zu anderen Drittmittelverfahren sind die Anteile zwar am unteren Rand des Gewohnten. Deprimierend ist aber, wie wenige Anträge den ganzen Weg erfolgreich durchlaufen haben. Geistes- und sozialwissenschaftliche Anträge sind bei Clustern und gemessen an Antragsskizzen fünfmal so oft rausgefallen wie natur- und ingenieurwissenschaftliche.
SZ: Vielleicht waren sie einfach schlechter.
Zürn: Die Erfolgsquoten spiegeln ganz bestimmt nicht die Leistungsfähigkeit der Geistes- und Sozialwissenschaften wider. Man kann doch wirklich nicht behaupten, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften in Deutschland fünfmal weiter von der Weltspitze entfernt sind als die anderen Disziplinen.
SZ: Wurden Universitäten und Anträge mit natur- und technikwissenschaftlicher Ausrichtung systematisch bevorzugt?
Zürn: Mit Sicherheit nicht willentlich. Das Verfahren war insgesamt fair, hat aber in einigen Bereichen zu Benachteiligungen führen können. Darüber muss man beraten, denn für die zweite Runde sind Korrekturen nötig.
SZ: In welcher Hinsicht?
Zürn: Ein Problem des Verfahrens war, dass bei allen Anträgen und Antragsgruppen die gleichen Kriterien für die Begutachtung benutzt wurden. Es gibt aber zwischen und auch innerhalb der Disziplinen ganz unterschiedliche Kriterien und Traditionen, mit denen Exzellenz bewertet werden kann. Für Ingenieure sind zum Beispiel Patente sehr wichtig, für Physiker Zitationen.
SZ: Man hat auch den Eindruck, dass die Experten in den Geistes- und Sozialwissenschaften härter miteinander umgehen. Die Gutachter sind strenger.
Zürn: Ja, so gesehen sind die Geistes- und Sozialwissenschaftler auch selbst für ihr Abschneiden verantwortlich. Die Gutachterkultur ist in der Tat eine andere. Wenn sich ein Geistes- oder Sozialwissenschaftler für einen Antrag einsetzt, geschieht dies selten in der gleichen Bedingungslosigkeit wie bei den Naturwissenschaftlern oder Ingenieuren. Es gibt immer dieses "Ja, aber. . .". Naturwissenschaftler sind viel entschiedener - sie sagen unmissverständlich, was sie klasse finden.
SZ: War die Auswahlkommission im Exzellenzwettbewerb zu stark dominiert von Naturwissenschaftlern?
Zürn: Sie spiegelte den Proporz wider, wie er in der Deutschen Forschungsgemeinschaft üblich ist. Das wird man nicht so einfach ändern können.
SZ: Gibt es Chancen, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften nach der zweiten Runde besser dastehen?
Zürn: Ich bin optimistisch. Ich hoffe, dass das Gutachterverhalten sich ändert und das Verfahren überarbeitet wird. Das Schlimmste wäre, wenn Geistes- und Sozialwissenschaftler nun bereits entmutigt wären.
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- Bologna-Konferenz Randale während der "Schavan-Show" 17.05.2010
- Schulmanagement Ein Assessment-Center für Schulleiter 17.05.2010
- Teures Studium Es gibt nichts geschenkt 13.05.2010
- Blog "Arm aber sexy" Mit Doktortitel, aber ohne Perspektive 11.05.2010
- Fehler im Lebenslauf Schweigen ist Gold 06.05.2010
- Angewandte Freizeitwissenschaft Studieren, was andere Freizeit nennen 03.05.2010
(SZ vom 16.10.2006)
Umweltstiftung WWF in der Kritik