Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern Weil Frauen es wert sind

Dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer, ist hinlänglich bekannt und wird jedes Jahr von Neuem diskutiert. Doch nach kurzer Empörung passiert - nichts. Das Lohnniveau für Durchschnittsverdienerinnen bleibt niedrig, Frauen in Führungsetagen sind nach wie vor eine Seltenheit. Dabei ist jede einzelne Frau einen guten Lohn wert.

Ein Kommentar von Alexandra Borchardt

Es ist seit Jahren ungefähr die gleiche Zahl, und jedes Mal verpufft sie: Die Löhne und Gehälter von Frauen liegen in Deutschland im Durchschnitt um 22 Prozent unter denen von Männern. Veröffentlicht wird die Zahl vorzugsweise zum Weltfrauentag am 8. März oder, wie an diesem Freitag, zum Equal Pay Day, dem Tag also, bis zu dem Frauen über den Jahreswechsel hinaus rechnerisch weiterarbeiten müssen, um mit dem Jahreseinkommen der Männer gleichzuziehen. Was anschließend geschieht, ist Ritual. Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Gewerkschafterinnen und Tischnachbarinnen in der Kantine empören sich, ein paar Männer nicken verständnisvoll - und es passiert: nichts.

"Wer nach oben will, muss Leistung bringen"

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In den anonymen Weiten des Internets können Frauen dann nachlesen, woran das liegt. Selbst schuld seien sie, die Mädels und Damen, heißt es dort. Wollen sie doch unbedingt Kindergärtnerin statt Mechatronikerin werden, oder Führungskraft in der Touristik statt bei Siemens. Gehen sie doch sofort auf Teilzeit, sobald das erste Kind da und der Ehemann zahlungskräftig ist. Und dann knicken sie bei Gehaltsverhandlungen gleich beim ersten Stirnrunzeln des Chefs ein. Sie haben es also nicht anders verdient. Oder doch?

Doch, das haben sie; obwohl die Argumente nicht aus der Luft gegriffen sind. Frauen wählen Ausbildungsplatz oder Studienfach seltener als Männer nach Karriere- und Einkommensperspektiven. Sie beschäftigen sich beruflich häufiger mit Menschen als mit Technik. Damit landen sie in der Dienstleistungswirtschaft, wo finanziell weniger zu holen ist als in der Industrie. Oder sie arbeiten im öffentlichen Dienst, der in finanziell hoch belasteten Sozialsystemen wenig spendabel sein kann.

Frauen verdienen hinzu

Frauen nehmen Mini- oder Teilzeitjobs an, weil das mit Familienpflichten besser vereinbar ist, sie verdienen "hinzu". Sie schaffen es seltener in Führungspositionen. Sie pausieren nach Geburten und verpassen oder vertagen auf diese Weise Karrieresprünge. Und, ja, bei Gehaltsverhandlungen soll der eine oder andere männliche Kollege seine Verdienste um das Wohl der Firma schon deutlicher präsentiert haben. Dies alles erklärt einiges, aber nicht alles.

Es erklärt nur zum Teil, warum der Gesellschaft die sogenannten Frauenberufe so wenig wert sind, obwohl sie ohne all die Krankenpflegerinnen oder Kindergärtnerinnen kollabieren würde. Es erklärt nicht, warum die Gehälter in Berufen regelmäßig verfallen, sobald dort der Frauenanteil steigt. War der Grundschullehrer früher ein respektierter und respektabel bezahlter Mann, leisten sich diesen Job heute fast nur noch Frauen. Und kaum ziehen mehr Oberärztinnen in die Kliniken ein, gehen die Herren Doktoren in die Schweiz oder in die Pharmaindustrie.

Es erklärt nicht, warum die Lücke zwischen Männer- und Frauengehältern auch dann um die zehn Prozent beträgt, wenn identische Vollzeit-Tätigkeiten verglichen werden, oder warum zum Beispiel Physiker 24 Prozent mehr verdienen als Physikerinnen. Und es erklärt auch nicht, warum Deutschland mit den 22 Prozent Gehaltsunterschied in Europa Tabellenführer ist, wie die OECD ermittelt hat; ein Wert, der fast doppelt so hoch ist wie der aus Italien.

Deutschland kann sich das nicht leisten

Dieses Problem anzupacken, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Deutschland wird sich schlecht entlohnte Frauen auf Dauer nicht leisten können. Kinderarmut kommt besonders häufig vor, wenn die Mutter eine miserabel verdienende Alleinerziehende ist. Und die ist dann oft eine Kandidatin für Altersarmut. So bekommen Rentnerinnen im Westen der Republik nur 40 Prozent dessen, was Rentnern überwiesen wird; dies hat das Wissenschaftszentrum Berlin berechnet. Dessen Präsidentin Jutta Allmendinger beurteilt die Lage drastisch: "Den meisten Frauen ist ein eigenständiges Leben von ihrem eigenen Geld überhaupt nicht möglich", sagt sie. Das klingt nicht nach 21. Jahrhundert.

Firmen, Politiker, Tarifpartner, Eltern, Lehrer und die Frauen selbst - alle können etwas tun, um von den 22 Prozent herunterzukommen. So sollten sich Firmen um gerechte Gehaltssysteme, Aufstiegschancen für Frauen und familiengerechte Arbeitszeitmodelle bemühen; nebenbei macht das Mitarbeiter zufriedener und damit produktiver. Die Gewerkschaften sollten sich für Tariferhöhungen in Frauenberufen extra ins Zeug legen. Die Politik könnte Mindestlöhne etablieren, das Steuerrecht familienfreundlicher und - vorübergehend - Frauenquoten zur Pflicht machen. Gleichzeitig sollte der Staat in Kinderbetreuung investieren und Anreize für Frauen abbauen, der Kleinen wegen allzu lange zu pausieren. Die Verdienstlücke zu den Männern, die Frauen in ihren Jahren mit Babys entsteht, begleitet sie meist lebenslang.

In der Gesellschaft muss es eine Debatte darüber geben, was Dienstleistung wert sein sollte, besonders die Arbeit mit Menschen. Eltern und Lehrer sollten Töchter und Schülerinnen darüber aufklären, welchen Einfluss die Berufswahl auf ihre Rolle in der Familie, der Partnerschaft, ja auf das ganze Leben haben kann. Kein Grund, hier nicht über Geld zu reden. Und viele Frauen müssen lernen, dass Geld auch die Währung der Wertschätzung ist. Sie sind es wert.