Gebühren für Schultoiletten Kleine Geschäfte, große Geschäfte

Zehn Cent für einmal Pinkeln: Weil Schultoiletten so verdreckt sind, bitten immer mehr Direktoren die Schüler zur Kasse. Jetzt streiten Eltern und Lehrer über die Maut.

Von Julia Bönisch

Was macht eine gute Schule aus? Ist es ein pädagogisch ambitioniertes Schulprogramm, sind es engagierte Lehrer und wissbegierige, soziale Schüler, die aus gutem Hause kommen?

Bevor Eltern die Entscheidung treffen, welche Schule ihr Kind besuchen soll, wägen sie Dutzende Argumente gegeneinander ab. Immer öfter spielen bei ihren Überlegungen auch allzu menschliche Bedürfnisse eine Rolle. Da geht es plötzlich nicht mehr um anteilnehmende Pädagogen, alte Sprachen oder Schulorchester, sondern um Pipi, Klopapier und mangelnde Hygiene - denn immer mehr Schulen kassieren bei den Kindern eine Toilettengebühr: Wer zwischen der ersten Stunde um acht und der letzten um zwei mal muss, muss zahlen.

Dabei handeln die Schulen nach zwei verschiedenen Herangehensweisen: Die einen treiben die Klo-Abgabe bei allen Eltern ein und betrachten sie als verpflichtend. Die anderen etablieren eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im WC. Kinder, deren Eltern die Gebühr zahlen, dürfen auf die sauberen, allzeit beaufsichtigten Toiletten, wo eine vom Geld der Eltern finanzierte 400-Euro-Kraft den ganzen Tag über für blitzende Waschbecken sorgt. Schüler, die den Betrag dagegen nicht aufbringen können oder wollen, müssen zum Pinkeln nach nebenan, auf die schäbigeren, verdreckten Klos, für deren Reinigung die klammen Kommunen zuständig sind.

Das stinkt zum Himmel

Solch eine Pipi-Maut stinkt zum Himmel, finden viele Eltern, denn ein kostenloser Toilettenbesuch in der Schule sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Doch Schulen in Düsseldorf, Wuppertal, Dortmund, Sprockhövel im Ennepe-Ruhr-Kreis und anderswo bitten die Eltern dennoch zur Kasse. Wie viele deutsche Schulen es insgesamt sind, weiß niemand so genau, denn meist wird die Gebühr an den Bildungsministerien vorbei eingeführt.

Kein Wunder, denn das Schulministerium in Düsseldorf etwa hat zum Klo-Obolus eine eindeutige Haltung: "Eine Toilettengebühr widerspricht den Grundsätzen der Menschenwürde und der Gleichbehandlung", erklärt ein Sprecher. "Jedes Kind muss die Möglichkeit haben, in der Schule umsonst auf ein sauberes Klo zu gehen." Erfahre man beim Ministerium von Schulen, die für den Gang zum stillen Örtchen Geld verlangen, werde man darauf bestehen, dass die Schule die Maßnahme zurücknehme.

Bauchgrimmen im Unterricht

Auch die Alexander-von-Humboldt-Realschule in Siegburg dürfte demnächst einen Anruf aus dem Ministerium bekommen. Hier hat die Schulleitung eine Toilettengebühr eingeführt und finanziert damit zwei 400-Euro-Kräfte. Wollen Eltern ihren Kindern zu einer hygienisch einwandfreien Pinkelpause verhelfen, kostet sie das zwölf Euro im Schuljahr. Geschwister bekommen Rabatt und kosten nur noch sechs beziehungsweise drei Euro für das dritte Kind. "Das Toilettengeld ist eine wichtige Einrichtung, vor allem im Moment, wo man besonders aufpassen muss, um die Toiletten wirklich sauber halten zu können. Durch die Ausdehnung der Öffnungszeiten durch den Nachmittagsunterricht ist es umso wichtiger, wenn möglichst alle den Beitrag bezahlen. Nur so können wir die Sauberkeit auf der Toilette garantieren", schreibt die Schule in einem Brief zum Schulanfang an die Eltern.

Schulleiter Udo Limbach sagt, fast alle Eltern seien von der Idee begeistert gewesen. "Vorher herrschten in den Klos unzumutbare Zustände." Besonders die jüngeren Schüler hätten sich geweigert, die WCs noch aufzusuchen. Zu verdreckt seien sie gewesen, ältere Kinder hätten dort geraucht und randaliert. "Die Kinder saßen lieber mit Bauchgrimmen im Unterricht, als sich zu erleichtern. Sie konnten sich gar nicht mehr konzentrieren."

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