Von Christine Burtscheidt

Im achtstufigen Gymnasium bleiben viele Kinder auf der Strecke. Elternvertreter fordern eine Reform: weniger Stoff, mehr Betreuung.

Irgendwann konnte der Junge einfach nicht mehr. Erst waren es Ohnmachtsanfälle, dann kam ein Klinikaufenthalt. Dabei war er mit einer Durchschnittsnote von 1,66 ans Gymnasium im oberbayerischen Neufahrn übergetreten. Wenn sein Vater abends nach Hause kam, begrüßte ihn der Sohn mit dem Satz: "Du hast Feierabend, ich muss mich noch hinsetzen." Jetzt berichtet der Vater den Zuhörern von dem schrecklichen fünften Schuljahr und macht seinem Ärger Luft: "Dass es in Bayern ein Bildungssystem gibt, in dem intelligente Kinder auf der Strecke bleiben, ist doch ein sagenhafter Skandal."

Schülerin macht Hausaufgaben, ddp

Schülern: Die Schulwoche umfasst inklusive Hausaufgaben bis zu 60 Stunden, wird berichtet. (© Foto: ddp)

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Er ist nicht allein mit dieser Meinung. 200 Eltern von 15 oberbayerischen Gymnasien haben sich an diesem Dienstagabend in der Aula des Oskar-Maria-Graf-Gymnasiums in Neufahrn bei Freising eingefunden. Es ist nur eine von vielen Veranstaltungen, die zurzeit in Bayern stattfinden. Denn die Wut über das, was das G8 mit den Kindern macht, ist groß.

Reduzierung der Stofffülle

Fünf Jahre sind vergangen, seit die Staatsregierung den Beschluss fasste, die Schulzeit um ein Jahr zu verkürzen. Bei vielen Eltern hat sich mittlerweile ein Eindruck festgesetzt, den eine Mutter in Neufahrn mit den Worten umschreibt: "Die Politik sitzt die Probleme nur aus." Nun wollen sie bis zur Landtagswahl im Herbst den Druck auf die Staatsregierung erhöhen. "So wie bisher kann das G8 nicht weiterlaufen", sagt Harald Renz, Elternbeirats-Vorsitzender am Neufahrner Gymnasium.

Die Eltern, die hier sitzen, sind keine notorischen G8-Nörgler. Sie wollen auch keine Rückkehr zum alten G9. "Das war durchaus die richtige Entscheidung, nur die Umsetzung hat nicht geklappt", sagt der Vorsitzende der Landeselternvereinigung (LEV), Thomas Lillig. Renz berichtet von Petitionen und Briefen, die in den vergangenen Jahren geschrieben worden seien. Doch meistens habe sich die CSU über die Bedenken der Eltern hinweggesetzt. Wenig hat sich aus seiner Sicht auch unter dem neuen Ministerpräsidenten Günther Beckstein verändert. Jetzt aber scheint die Geduld der Eltern ein Ende zu haben. Ob es um den Lehrplan, oder die Stundentafel geht - "wir wollen uns nicht mehr vertrösten lassen", sagen sie. Ganz oben auf dem Forderungskatalog steht die Reduzierung der Stofffülle. Die Anforderungen in Bayern seien weitaus höher als im Ausland, glaubt die Elternbeiratsvorsitzende des Freisinger Domgymnasiums, Rita Straub. Wer ein Neuntel der Unterrichtszeit kürze, müsse auch ein Neuntel der Inhalte herausnehmen, fordert Lillig. Doch das sei bis heute nicht geschehen.

Keine Mittel fürs G8

Für viele Kinder ist das G8 deshalb nach Ansicht der Kritiker eine reine Paukschule. Die Schulwoche umfasst inklusive Hausaufgaben bis zu 60 Stunden, wird berichtet. Nach Erhebungen der Landeselternvereinigung schaffen es zurzeit nur 30 Prozent der Schüler im G8 ohne zusätzliche Hilfe. Der große Rest ist auf die Eltern oder gleich auf professionelle Unterstützung angewiesen. Bis zu dreimal die Woche Nachhilfestunden seien üblich. Eltern bezahlten dafür durchschnittlich 300 Euro monatlich. Die Kosten dürften ärmere Familien erst recht abschrecken, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken, weshalb sich die anwesenden Eltern einig sind: Die Hausaufgabenbetreuung müsse angesichts des vielen Stoffs Pflicht der Schule werden.

Bereits kurz nach der Einführung des G8 hatte der Philologenverband klargemacht, dass die Schule nur als Ganztagsmodell funktioniere. Die "große Malaise des G8", sagt LEV-Chef Lillig, sei gewesen, dass die Staatsregierung dafür nicht die erforderlichen Mittel bereitgestellt habe. So verfügten viele Schulen zwar inzwischen über eine Mittags- oder Nachmittagsbetreuung, die wenigsten aber seien Ganztagsschulen.

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