Eltern kämpfen gegen die G8-Reform: Die einen streiten für ein unbelastetes Familienleben, die anderen sind von einem übertriebenen Förderehrgeiz gepackt. Die Proteste sind auch ein Zeichen dafür, dass sich in der Mittelschicht die Angst vor dem sozialen Abstieg breitmacht.
Genau so hat sich Henrike Kinader-Dietz ihr Leben früher immer vorgestellt. Sie steht beruflich auf eigenen Beinen, hat Familie und wohnt in einem kleinen Reihenhaus am Rande einer bayerischen Kleinstadt. Das Leben ihrer Kinder hat sie sich dagegen ganz anders vorgestellt. Die Strapazen, denen ihre Töchter am achtjährigen Gymnasium ausgesetzt sind, machen der Mutter Sorgen. "Ich wünsche mir ja nur, dass sie mal die gleichen Chancen haben wie ich", sagt Kinader-Dietz. Sie sollen sich frei entfalten können, einen Beruf finden, genügend Geld verdienen.
Schüler am G 8: Alle Versuche der vergangenen Jahre, die Schule tauglich für das 21. Jahrhundert zu machen, greifen nicht weit genug. (© Foto: dpa)
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Für diese Zukunft möchte die Mutter die Weichen stellen. Und seit einiger Zeit bedeutet das für sie auch, an der Seite von Hunderten anderen Eltern zu protestieren: gegen die Zustände am verkürzten Gymnasium, das im Politikerjargon kurz "G 8" genannt wird.
Natürlich gibt es viele Gründe, warum diese Mütter und Väter auf die Barrikaden gehen. Die einen kämpfen für ein unbelastetes Familienleben, die anderen sind von einem übertriebenen Förderehrgeiz gepackt. Was aber Eltern wie Kinader-Dietz antreibt, ist die Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz ihrer Kinder. "Die ganze G-8-Debatte ist ein Aufstand der nervösen Mittelschicht", sagt Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) in Dortmund und Leiter der internationalen Grundschulstudie Iglu. Seine Beobachtung: Alle Versuche der vergangenen Jahre, die Schule tauglich für das 21. Jahrhundert zu machen, greifen nicht weit genug. Um die Bildungschancen von Arbeiterkindern stehe es besonders schlecht.
Aber auch weite Teile der Mittelschicht befürchteten, dass sich der erreichte Status nicht mehr an die Kinder weitervererben lässt. Manche Soziologen sprechen bereits von einer grassierenden Statuspanik. Die Probleme bei der Umstellung zum G 8 würden diese Ängste weiter schüren.
In der Armutsfalle
Neue Statistiken unterfüttern das vage Gefühl der Eltern mit nüchternen Daten. Zwar ist schon lange bekannt, dass in Deutschland die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Die Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aber behaupten mehr. Sie sagen, die soziale Krise des Landes habe nun auch die Mitte der Gesellschaft erreicht. Auch Gutsituierte, denen der Gedanke an einen möglichen Abstieg bisher fremd war, rutschen ab.
Lag vor acht Jahren der Anteil der Bevölkerung, der mittelmäßig gut verdient hat, noch bei 62 Prozent, beträgt dieser heute nur noch 54 Prozent. Gleichzeitig wuchsen die Ränder der Gesellschaft um 23 Prozent. Die Mittelschicht schrumpft, so der Befund der DIW-Ökonomen - und wer in Deutschland erst einmal arm ist, hat kaum Hoffnung auf Aufstieg.
Kinader-Dietz weiß, dass Bildung immer mehr über Lebenschancen entscheidet. Deshalb setzt sie alles daran, ihre Kinder durch das Gymnasium zu bringen. Gestern kämpfte sie sich wieder gemeinsam mit ihrer Ältesten durch das Dickicht der französischen Grammatik. Erst abends um zehn Uhr waren all die Fragen beantwortet, die im hektischen Schulbetrieb des G 8 unter den Tisch fielen.
Alle drei Töchter besuchen inzwischen das Gymnasium. Dafür fährt die Mutter ein geballtes Hilfsangebot auf: Jeden Tag steht sie den Kindern bei den Hausaufgaben zur Seite, erklärt Matheformeln, weist auf die Tücken von Fremdsprachen hin oder fragt Vokabeln ab. "Ich hab Glück", sagt sie, "ich kann meinen Kindern wenigstens selbst helfen." Andere müssten teure Nachhilfe bezahlen, um zu verhindern, dass ihr Kind an die Realschule absackt.
Auf der nächsten Seite: Warum es trotz allem Verständnis für die Eltern falsch ist, das achtjährige Gymnasium zu verdammen.
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Moderne Verwaltung
Manchmal entlarven sich Kommentatoren der SZ in einem Nebensatz selbst. In diesem Fall hier:
"Aber auch weite Teile der Mittelschicht befürchteten, dass sich der erreichte Status nicht mehr an die Kinder weitervererben lässt."
Als ob Status etwas ist dass sich vererben liesse. Status muss sich jede Generation und jedes Individuum selber erarbeiten - da gibt's nix zu vererben. Frau Kinader-Dietz (um die es hier geht) ist laut Google Aerztin - also muessen ihre Kinder auch Aerzte werden weils die Mama ist? Und wer einen einfachen Arbeiter als Vater hat hat Pech gehabt? Hauptschule und ab in die Schicht? Vererbt ist halt vererbt?
Und an allem ist das G8 schuld. Mama Kinader-Dietz "fährt ein geballtes Hilfsangebot auf" - damit die Kinder es durch das Gymansium schaffen denn Status ist Status. Wenn der Sohn in Klasse 2 Schwierigkeiten hat dann sind die bis Klasse 4 "ausgebuegelt", denn der Sohn geht aufs Gymnasium. Punkt. Veranlagung und andere Kleinigkeiten spielen da keine Rolle.
Vielleicht ist es doch nicht das G8, vielleicht sind es die neurotischen Eltern die ihre Kinder als Teil ihre eigenen Status' sehen? Mein Kind geht auf Gymnasium...drunter gehts nicht denn man weiss ja was man seinem Status schuldig ist.
... ein 'unbelastetes Familienleben' ein Argument ist, das für die Politiker und die Gestaltung der Politik irrelevant ist.
Es kristallisiert sich folgendes immer stärker heraus: G 8 ist in erster Linie ein Sparpaket. Man spart ein Jahr an schulischer Ausbildung, d.h. auch an Lehrern, indem man einfach den Leistungsdruck erhöht. Abpuffern aber tun das dann die Eltern aus der abbröcklnden Mittelschicht, die teuren Nachhilfeunterricht auf Privatbasis zu finanzieren haben.
Die Oberschicht aber gibt sich derweil gar nicht erst mit solchen popeligen Dingen ab: Sie schickt ihre Kinder gleich in Privatschulen und Internate, so wie z.B. unsre liebe heilige Ursula von der Leine.
Ist doch alles paletti, wo ist da das Problem? - Es kann halt nicht jeder studieren, nicht wahr? Man kann auch was Anständiges ohne Studium werden und denen mit Studium dann den Nachttopf reichen. Kann schließlich auch was sehr Befriedigendes sein.
Ich weiß gar nicht, was alle hier so wollen! Es geht uns doch ausgezeichnet.
Irgendwann sind Sie und ich auch in dem Alter. Ich wohl mit 70 putzmunter und Sie vergreist. So lange man jung ist, vergißt man dieses leicht, jünger wird aber niemand.
Hier geht es aber um das Abzocken der Mittelschicht, ich habe mir erlaubt, weil ebenfalls in einem Bericht heute ihr Herr Herzog versucht, einen Generationenkonflikt zu schüren. Dies nur um davon abzulenken, dass er seine Ruhegelder ohne eigene Einzahlungen erhält und Menschen wie Sie und ich 40 bis 45 Jahre einzahlen müssen um dann eine Grundrente zu bekommen, die dieser Herr denen, die jetzt schon alt sind, missgönnt.
schützenkönig schrieb:
"das ist schon eine richtige wirtschaaft die nachhilfe
dort verdienen sich nebenbei lehrer studienraete und profs ne goldene nase. "
Und nicht zu vergessen: die Scientologie "Church". Seltsam, nicht wahr, wie das doch alles so schön passt. - Irgendwann kriegen wir dann noch erzählt, dass G8 deshalb so wertvoll ist, weil es doch so viele Arbeitsplätze schafft.
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