Von Alexandra Borchardt

"So einen schrecklichen Tschainsch hatten wir noch nie": Warum es sich Firmen gut überlegen sollten, ob sie sich von der Heimatsprache verabschieden.

Da hat der Mann schon vor Jahren seine Bewerbungsunterlagen für den Chefposten im Außenministerium eingereicht, und dann dieser Patzer: "Das ist Deutschland hier", stammelte FDP-Chef Guido Westerwelle kürzlich, um einem britischen Journalisten eine Antwort auf Englisch zu versagen.

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Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, tut sich auch mit fremden schwer. (© Foto: dpa)

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Nun ist dies ein Land, in dem es die Nachkriegsgeneration im Ausland als höchstes Kompliment betrachtet, nicht als deutscher Staatsbürger identifiziert zu werden. Ein Land, in dem deutsche Mütter mit ihren Babys englisch reden ("Soll zweisprachig aufwachsen") und Studenten, sollten sie in der Ferne einen deutschen Kommilitonen treffen, mit diesem in der dortigen Landessprache parlieren. Da kommt so etwas schlecht an.

Doch Westerwelle bekommt Hilfe. So parierte Louis van Gaal, Trainer des F.C. Bayern und Niederländer, neulich den Vorschlag eines Journalisten, man könne das Interview nun entweder auf Englisch oder Spanisch führen, mit den Worten: "In welchem Land befinden wir uns gerade, was denken Sie?" Und auch im Vorstand des Bayer-Konzerns soll nach dem Rückzug des Schotten Arthur Higgins wieder Deutsch gesprochen werden - obwohl ein Niederländer, Marijn Dekkers, den Chefposten übernehmen soll.

Wer deutsche Unternehmen besucht, in denen Englisch befohlen ist, möchte so etwas loben. In solchen Firmen wird von Bildink zu Bildink (Building) gerannt, und geklagt: "Se probblemm is se implementäischen." "So einen schrecklichen Tschäinsch hatten wir noch nie", wetterte kürzlich eine Mitarbeiterin des Software-Konzerns SAP, in dem Veränderungen generalstabsmäßig als Change-Prozesse orchestriert werden. Gerne erhielte man da mal die Mitteilung: "Wegen Qualitätsproblemen haben wir uns entschieden, unsere Sprachproduktion wieder an den Heimatstandort zurückzuholen."

Selbst in der Vorstandssitzung kann es still werden

Nun spricht viel für das Englische als Ausdruck von Internationalität in Management und Belegschaft. Wenn Management und Belegschaft denn miteinander sprechen. Und das tun sie noch seltener, ist eine fremde Sprache auf dem Firmengelände Pflicht. Selbst in der Vorstandssitzung kann es still werden, wenn die Teilnehmer statt nach den Nuancen der Muttersprache nach den Floskeln aus dem Englischkurs greifen müssen.

Wer eine ausländische Unternehmenssprache verordnet, sendet damit Signale. Wer sie nicht kann, kann hier nichts werden, ist eines davon. Und ein anderes: Diese Firma könnte überall stehen. Bindung an den Heimatort? Lieber nicht. Hier kann jeder arbeiten - und jeder gefeuert werden. Schon bald ist dann ein Heute-hier-morgen-dort-Manager der Chef. Wobei auch der umgehend beklagen wird, dass es die Mitarbeiter an Loyalität neuerdings arg fehlen lassen.

Wer Außenminister werden will, sollte manchmal als Innenminister anfangen

Ein Ort jedoch ist mehr als ein paar Hektar Grund, ein Gewerbesteuerhebesatz und vielleicht ein Markt. Dirk Rossmann, Chef der Drogeriekette gleichen Namens, ist einer, der für Deutsch als Firmensprache plädiert. "Indem wir als Deutsche unsere Sprache und unsere Kultur aufgeben, geben wir auch unsere Existenz auf", ließ er sich einmal zitieren.

Sprachwissenschaftler sagen: Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, tut sich auch mit der fremden schwer. Es ließe sich ergänzen: Wer die Mitarbeiter daheim nicht versteht, wie soll er jene im Ausland begreifen? Und wie dann gar seine Kunden? Wer Außenminister werden will, sollte manchmal lieber als Innenminister anfangen.

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(SZ vom 19.10.2009/holz)