"So einen schrecklichen Tschainsch hatten wir noch nie": Warum es sich Firmen gut überlegen sollten, ob sie sich von der Heimatsprache verabschieden.
Da hat der Mann schon vor Jahren seine Bewerbungsunterlagen für den Chefposten im Außenministerium eingereicht, und dann dieser Patzer: "Das ist Deutschland hier", stammelte FDP-Chef Guido Westerwelle kürzlich, um einem britischen Journalisten eine Antwort auf Englisch zu versagen.
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Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, tut sich auch mit fremden schwer. (© Foto: dpa)
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Nun ist dies ein Land, in dem es die Nachkriegsgeneration im Ausland als höchstes Kompliment betrachtet, nicht als deutscher Staatsbürger identifiziert zu werden. Ein Land, in dem deutsche Mütter mit ihren Babys englisch reden ("Soll zweisprachig aufwachsen") und Studenten, sollten sie in der Ferne einen deutschen Kommilitonen treffen, mit diesem in der dortigen Landessprache parlieren. Da kommt so etwas schlecht an.
Doch Westerwelle bekommt Hilfe. So parierte Louis van Gaal, Trainer des F.C. Bayern und Niederländer, neulich den Vorschlag eines Journalisten, man könne das Interview nun entweder auf Englisch oder Spanisch führen, mit den Worten: "In welchem Land befinden wir uns gerade, was denken Sie?" Und auch im Vorstand des Bayer-Konzerns soll nach dem Rückzug des Schotten Arthur Higgins wieder Deutsch gesprochen werden - obwohl ein Niederländer, Marijn Dekkers, den Chefposten übernehmen soll.
Wer deutsche Unternehmen besucht, in denen Englisch befohlen ist, möchte so etwas loben. In solchen Firmen wird von Bildink zu Bildink (Building) gerannt, und geklagt: "Se probblemm is se implementäischen." "So einen schrecklichen Tschäinsch hatten wir noch nie", wetterte kürzlich eine Mitarbeiterin des Software-Konzerns SAP, in dem Veränderungen generalstabsmäßig als Change-Prozesse orchestriert werden. Gerne erhielte man da mal die Mitteilung: "Wegen Qualitätsproblemen haben wir uns entschieden, unsere Sprachproduktion wieder an den Heimatstandort zurückzuholen."
Selbst in der Vorstandssitzung kann es still werden
Nun spricht viel für das Englische als Ausdruck von Internationalität in Management und Belegschaft. Wenn Management und Belegschaft denn miteinander sprechen. Und das tun sie noch seltener, ist eine fremde Sprache auf dem Firmengelände Pflicht. Selbst in der Vorstandssitzung kann es still werden, wenn die Teilnehmer statt nach den Nuancen der Muttersprache nach den Floskeln aus dem Englischkurs greifen müssen.
Wer eine ausländische Unternehmenssprache verordnet, sendet damit Signale. Wer sie nicht kann, kann hier nichts werden, ist eines davon. Und ein anderes: Diese Firma könnte überall stehen. Bindung an den Heimatort? Lieber nicht. Hier kann jeder arbeiten - und jeder gefeuert werden. Schon bald ist dann ein Heute-hier-morgen-dort-Manager der Chef. Wobei auch der umgehend beklagen wird, dass es die Mitarbeiter an Loyalität neuerdings arg fehlen lassen.
Wer Außenminister werden will, sollte manchmal als Innenminister anfangen
Ein Ort jedoch ist mehr als ein paar Hektar Grund, ein Gewerbesteuerhebesatz und vielleicht ein Markt. Dirk Rossmann, Chef der Drogeriekette gleichen Namens, ist einer, der für Deutsch als Firmensprache plädiert. "Indem wir als Deutsche unsere Sprache und unsere Kultur aufgeben, geben wir auch unsere Existenz auf", ließ er sich einmal zitieren.
Sprachwissenschaftler sagen: Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, tut sich auch mit der fremden schwer. Es ließe sich ergänzen: Wer die Mitarbeiter daheim nicht versteht, wie soll er jene im Ausland begreifen? Und wie dann gar seine Kunden? Wer Außenminister werden will, sollte manchmal lieber als Innenminister anfangen.
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(SZ vom 19.10.2009/holz)
Sorgerechtsverfahren in der Kritik
....wird von der Sprache bestimmt, mit der man arbeitet.
Je solider die Sprachkenntnis, desto mehr Konzepte und umso differenziertere Konzepte stehen zur Verfügung. Wenn man künstlich sprachbehindert wird, geht auch die Qualität der Arbeit zugrunde.
ich war heute morgen mit dem Wagen in der "Dialogannahme", zum "Durchtschekken".
Eine schöne engl.-deutsch. Melange.
..."Noch wichtiger ist die wissenschaftlich gesicherte Beobachtung, dass das Kreative, das Innovative, das forschende Erkennen eher in der Muttersprache passiert. Wirklich Neues wird nicht in beliebige Wörter gegossen. Das wirklich Neue ist aber genau das, wofür wir in Mitteleuropa zukünftig bezahlt werden. Nicht für das nachmurmelnde Repetieren, sondern für das Frische, das Kreative, das Innovative. Und dafür brauchen wir die feinen Unterschiede unserer Muttersprache.
Mehr noch: Mit der Sprache steht weit mehr als nur die Sprache zur Diskussion. Unsere Herkünfte, unsere Wurzeln, unsere Begriffe - die mehr sind als nur Worte -, unsere Unübersetzbarkeiten. Wenn nach Seneca "die Sprache der Menschen ihrem Leben gleich" ist, dann steht mit der Sprache auch unsere Selbstdefinition auf dem Spiel. Und damit unser Selbstwertgefühl. Nein, es ist kein Zufall, dass in der Wirtschaft der deutsche Niedergang mit dem Aufstieg des Englischen zusammenfiel.
Wie also sprechen? Englisch, natürlich - da, wo es notwendig ist. Schon allein deshalb, weil Goethes Aussage ohne Verfallsdatum ist: "Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen." Und Deutsch sollten wir sprechen, da, wo es um mehr geht als um das bloße Koordinieren. Wo es um das Neue, das Schöpferische, das wirklich Wichtige geht. Dann sollten wir auch das Talent eines guten Übersetzers ehren."
Natürlich? So fragt der Unternehmensberater Dr. Reinhard Sprenger schon 2005 in einem Artikel im Handelsblatt. Im folgenden ein Auszug aus dem Artikel:
"Man sei jetzt ein internationales Unternehmen, so der neue "Managing Director", da sei Englisch nun einmal üblich. Und schon Oscar Wilde habe angemerkt, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen. In der Aussprache nach der Rede des "MD" halten sich die Amerikaner höflich zurück. Aber auch die Deutschen schweigen. Ausnahmen sind die jungen Stromlinierten, denen ihr amerikanisches Elite-Studium aus jeder Pore quillt.Für die anderen, die Älteren, jene, denen das Unternehmen einige Jahrzehnte erfolgreichen Überlebens zu verdanken hat, für sie kommen zum ungeübten Sprechen vor großem Publikum nun auch die Schwierigkeiten mit ihrem Schulenglisch hinzu. Das reicht kaum aus, tiefer in ein Gespräch einzusteigen, geschweige denn eine Diskussion mit einem englischen Muttersprachler zu führen. Jedenfalls nicht auf Augenhöhe. Für sie ist dieses sprachvereinheitlichende Großprogramm schiere Ent-Identifikation. Welche Eigentümlichkeiten dürfen sich jene bewahren, die Deutsche bleiben wollen? Heimat - nur noch was für Kitschfilme?Noch Theodor Mommsen freute sich, dass "die deutsche Forschung die Nachbarn gezwungen (habe), unsere strenge, aber unentbehrliche Sprache widerwillig zu lernen." Das ist vorbei. Deutsch droht zum Dialekt zu werden. Die Eliten ziehen sich aus dem Deutschen zurück, Wissenschaft und Wirtschaft werden englische Territorien. Nicht einmal an deutschen Standorten ist Deutsch ein Muss. Englisch gilt als schick und weltoffen, Deutsch als verstaubt und provinziell. Deshalb spricht man lieber schlechtes Englisch als gutes Deutsch.Lesen Sie hier das kulturkritische Lamento eines Ewiggestrigen? Ich will mich nicht mit ärgerlichen Anglizismen aufhalten, mit denen Eindruckschinder ihren Sprachschutt würzen. Ich meine auch nicht jene bewusstlosen Übernahmen, wie wenn etwas "in 2005" "Sinn machen" soll. Es besteht aber ein "ungeheurer Unterschied zwischen der Muttersprache und allen anderen Sprachen" (Hannah Arendt). Die meisten Leser kennen diesen Unterschied: Statt sich aufmerksam dem Besonderen zu widmen, verfällt man in Klischees. Statt um Inhalte zu kämpfen, kämpft man mit der Sprache. Statt Gespräche zu flechten, hält man nur die Konversation aufrecht. Und jeder Manager kennt auch die gestanzten Versatzstück-Kaskaden, mit denen man sich durch die "Meetings" schmuggelt.Noch wichtiger ist die wissenschaf