Von Dagmar Deckstein

Wer weiß schon, was morgen passiert. In Krisenzeiten planen Manager nur noch "auf Sicht" - als ob sie das nicht schon lange so gehalten hätten.

Auf lange Sicht sind wir dem Ökonomen John Maynard Keynes zufolge alle tot. Auf mittlere Sicht - darauf mag jeder sein gehörig zusammengeschrumpftes Vermögen wetten - wird es irgendwann wieder einen Aufschwung geben. Und auf kurze Sicht neigt sich dieses seltsame Jahr 2008 endlich seinem verdienten Ende zu. Wer im gurgelnden Krisenstrudel noch von sich behaupten kann, den Durch- und Überblick behalten zu haben, darf sich glücklich schätzen. Wir kennen jedenfalls keinen. Aber dafür jede Menge Manager, die das glatte Gegenteil von sich behaupten.

Führungssspitzen, iStock

Geflügelte Jahresendwortfigur der Manager: Wir planen nur noch auf Sicht. (© Foto: iStock)

Anzeige

Wohin wir hören, wohin wir sehen, alle miteinander, die Banker und die Maschinenbauer, die Halbleiterhersteller, die Autobosse mitsamt ihren Zulieferern sowieso, die ganzen krisengeschüttelten Gewerbe fliegen uns offenbar halbblind und unisono mit dieser Formel entgegen: Wir fahren nur noch auf Sicht! Geplant wird gerade mal noch von hier bis zur nächsten Straßenecke, wer weiß schon, was morgen passiert, geschweige denn übermorgen. Es darf jetzt schon zur geflügelten Jahresendwortfigur der Wirtschaft verkauft werden: Wir fahren nur noch auf Sicht. Soll heißen: Die Welt und ihre ökonomische Befindlichkeit scheinen gleichsam hinter einer dicken Nebelwand verborgen, man sieht kaum mehr die Hand vor Augen. Und das kam alles so plötzlich.

Sollen wir ihnen das glauben? Sage doch keiner, die Kapitäne des Kurzstreckenkapitalismus hätten sich in den vielen letzten Jahren nicht auch nur auf Sicht fortbewegt, den Blick stur aufs nächste Quartalsergebnis gerichtet. Und auf die Frage, wie man "die Märkte" mit bilanztechnischen Taschenspielertricks kurspflegerisch möglichst vorteilhaft einlullt. Die ganz anderen Märkte, auf denen sich leibhaftige Kunden bewegten und bedient werden wollten, waren hinter der Milchglasscheibe der betriebswirtschaftlichen Kennziffern kaum zu erkennen, interessierten eigentlich auch nicht.

Personalentscheidungen nach Bauchlage

Auf Sicht fuhren, solange die hypertrophen Finanzmärkte die Spielregeln diktierten, offenbar auch die Aufsichtsräte der Unternehmen bei der Frage, wer der Beste für einen CEO-Posten sei. Da ging es gerne nach Bauchlage und Beziehungsnetzwerk: Mit wem hatte ich schon mal einen angenehmen Plausch auf dem Golfplatz oder auf dem Davoser Wirtschaftsforum. Dann kaufen wir uns den mal ein.

Die neueste Bilanz der Unternehmensberatung Bain & Company kann da nicht wundern: Danach hat der Vorstandsverschleiß ein Tempo vorgelegt, dass einem Hören und Sehen vergehen kann: Mehr als 30 Prozent der Vorstände werden nach weniger als zwei Jahren wieder entsorgt. Im Schnitt halten sich diese Interimsmanager gerade mal noch fünfeinhalb Jahre an der Spitze. Als häufigsten Kündigungsgrund dürfen sie sich dabei das Fallbeil-Urteil "mangelhafte Leistung" um die Ohren schlagen lassen. Wobei, so Bain, die Leistung im wesentlichen von den kurzatmigen Oberhektikern, den Analysten definiert wird.

So können wir am Ende dieses annus horribilis allen Auf-Sicht-Fahrern in den Chefetagen nur wünschen, dass ihnen zumindest Weihnachten ein Licht aufgehen und etwas mehr Vorausschau bescheren möge.

Leser empfehlen 

(SZ vom 22.12.2008/tess)