"Eitsch Aahr" - die Human-Ressourcen - sind Mangelware. Trotzdem lassen es Firmen im Krieg um Talente ruhig angehen.
Wenn man den allfälligen Klagen in den Unternehmen Glauben schenken will, dann drückt viele von ihnen derzeit die große Sorge vor dem anschwellenden Fachkräftemangel.
Bild vergrößern
Wie mitarbeiterfreundlich ist die Außendarstellung der DAX-Unternehmen? Im Schnitt erreichten die 30 untersuchten Firmen nur spärliche 1,72 von insgesamt 4 Punkten. (© Foto: ap)
Anzeige
Nicht nur die in jedem Aufschwung notorisch knappen Ingenieure bereiten Kopfzerbrechen, jetzt suchen die Firmen auch noch "händeringend", wie es heißt, Auszubildende. Wo doch gerade eben noch die Lehrlingsschwemme manche Politiker laut über Ausbildungsplatzabgaben hat nachdenken lassen.
Wenn denn die heftig umworbenen "Eitsch Aahr", also die Human-Ressourcen, so wertvoll für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit sind, dann fragt man sich schon, warum es Unternehmen hinter den Fronten des Kriegs um die Köpfe vergleichsweise gemütlich angehen lassen.
Der vor sieben Jahren gegründete Münchner Human Capital Club (HCC) wird nicht müde, auf den teilweise schludrigen Umgang mit dem angeblich wertvollsten Kapital hinzuweisen. Solange Unternehmen ihre Mitarbeiter allein als Kostenfaktor einordneten und ignorierten, dass Humankapital in den modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften längst zum Wettbewerbsvorteil avanciert sei, werde es keinen Quantensprung in der Unternehmensführung geben.
Die beredte Klage untermauert der HCC auch mit seiner neuesten Studie zusammen mit der TU München, die in den erstmals und künftig jährlich veröffentlichten "Human Capital Transparenz Monitor" mündet. Außer BMW hat sich dabei keines der 30 Dax-Unternehmen mit Ruhm bekleckert, was die Darstellung ihrer Anstrengungen im Umgang mit den Mitarbeitern anbetrifft.
Spärliche Außendarstellung
Anhand von Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten sowie Internetauftritten wurde vom Werteleitbild über Aus- und Weiterbildung, Talentmanagement bis zu Gesundheitsprogrammen und familienfreundlichen Arbeitsbedingungen untersucht, wie es Unternehmen mit der Außendarstellung in Sachen "unser wichtigstes Kapital sind die Köpfe" halten.
Wer dringend neue Köpfe sucht, so sollte man denken, der bemüht sich auch, seine Wertschätzung dieser Köpfe ordentlich hinauszuposaunen. Weit gefehlt. Von maximal vier erreichbaren Punkten erzielte nur BMW mit 2,69 den mit Abstand besten Wert, gefolgt von Commerzbank, RWE mit 2,24 und VW (2,21).
Im Durchschnitt kamen die 30 Dax-Unternehmen nur auf einen Wert von 1,72, was die Experten zu leicht ätzender Kritik ermunterte: "Wenn Dax-Unternehmen, die sich sonst gerne als attraktive Arbeitgeber präsentieren, ihre Leistungen im Personalbereich so wenig publik machen, dann dürften diese auch nicht besonders gut sein."
Als wäre die Wirtschaftswelt vor 80 Jahren stehen geblieben. Damals untersuchte eine Gruppe naiver Ingenieure Arbeitsgruppen aus den Hawthorne-Werken der Western Electric Company, welche Arbeitsplatzbedingungen die Produktivität der Werkerinnen erhöhte.
Sie drehten das Licht hell auf - die Produktivität stieg. Sie verdunkelten den Arbeitsplatz - die Produktivität stieg. Sie drosselten die Luftfeuchtigkeit - die Produktivität stieg. Sie erhöhten Temperatur und Luftfeuchtigkeit - die Produktivität stieg immer weiter. Über des Rätsels Lösung, warum die Frauen in der Fabrik immer begeisterter Motorwicklungen wickelten grübelten die Forscher lange, lange nach. Dann hatten sie's endlich: Die Frauen freuten sich einfach, weil sich jemand so intensiv für sie interessierte.
(SZ vom 28.7.2008/mei)
Schuldenkrise in Griechenland
Würden die Entscheider in den deutschen UInternehmen tatsächlich Instrumente einsetzen, um die Potentiale (Humankapital + Wissen) ihrer Mitarbeiter zu erheben (messen) und mit entsprechenden Maßnahmen umsetzen, würden sie langfristig in ihrer Bilanz ablesen können, wie viel Geld sie verdienen, ohnen dass sich am Markt, der Konjunktur, den Kunden o.ä. etwas geändert hat.
"Das ist eine so durchsichtige Taktik, so dass ich mich wundere, dass noch überhaupt jemand an diese Ammenmärchen von fehenden Fachkräften bzw. Azubis glaubt."
Das wundert mich auch schon lange. Noch ein schönes Beispiel für die widersprüchlichen Forderungen:
Erst das Geschrei, dass zu wenige Hochqualifizierte nach Deutschland kommen _wollen_, direkt darauf folgend die Forderung nach der Senkung der Mindestbezüge eben dieser Hochqualifizierten. Das nenne ich doch mal eine geeignete Maßnahme, mehr Experten ins Land zu locken: ihnen einfach weniger zu bezahlen! Dass da früher noch keiner darauf gekommen ist...
Hehe, "händeringend", tolles Wort. Weil die Wirtschaft ja so händeringend nach Fachkräften und neuerdings nach Azubis ( forderung nach ausländischen Azubis kam kürzlich von der DIHK)sucht, gibt es so gut wie keinen arbeitslosen Jugendlichen und die hochqualifizieten Fachkräfte wandern auch nicht in die Schweiz aus oder nach Skandinavien oder gar nach Kanada. Nein, überhauptnicht. Die Wirtschaft forderte mit aller Macht die Studiengebühren und den Bachelor um im Nachhinein den Bachelor (nach , wie bezeichnend, Bertelsmannumfrage) als unqualifiziert und unsinnig zu bezeichnen. Man macht mit voller Absicht das Studium teurer, diejenigen die es sich aber immernoch einigermaßen leisten können, werden als unqualifiziert bezeichnet. Dafür ist der Student aus zB Bulgarien eine hochqualifizierte Fachkraft, den man dringend benötigt. Super Taktik. Alles mit dem Ziel "ausländische Fachkräfte" anzuwerben. Das ist eine so durchsichtige Taktik, so dass ich mich wundere, dass noch überhaupt jemand an diese Ammenmärchen von fehenden Fachkräften bzw. Azubis glaubt. Sie wollen einfach nur Billigstarbeitskräfte, weil ihnen der Umzug nach China oder sonswohin zu teuer und zu unsicher ist. Ausserdem können sie dann mit dem "Fachkräften" machen was sie wollen. Übrigens, die Fleischereibranche schreit auch nach qualifizierten Fachkräften, denn die Polen sind schon längst nach England.
Darum geht's. Ernst nehmen und anerkennen. Und das ausdrücken durch Interesse und Information über die Vorgänge im Unternehmen und den Zustand und die Zukunftspläne des Unternehmens. Allerdings funktioniert das nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn die Gehälter überhaupt nicht passen, kommt jedem irgendwann der "put your money, where your mouth is"-Gedanke. Genauso, wie umgekehrt Motivation nur eingschränkt über überdurchschnittliche Gehälter zue rreichen ist, wenn der Rest nicht stimmt. Die Balance zu finden ist nicht einfach.