Von Alexandra Borchardt

Finanzmärkte verlangen Chefs etwas ab, wofür früher nur Stars fürstlich bezahlt wurden: die Aura der Unverwundbarkeit. Warum Wirtschaftsführer allzu oft dem Starkult erliegen.

Im Grunde genommen sind die Deutschen, was Spitzengehälter angeht, viel toleranter, als ihnen dies allgemein unterstellt wird. Schließlich meckert kaum jemand, wenn Filmstars, Rockmusiker oder Fußballprofis Millionen einstreichen. Allein der Manager, der darf das nicht. Das mag daran liegen, dass Erstere uns - wenn sie denn gut sind - aus unserem Trott herausreißen, während Letzterer daran schuld ist, dass wir da überhaupt hineingeraten sind, weil er unsere Arbeitsplätze schafft. Dabei ist diese Einteilung in verdiente und unverdiente Großverdiener hoch ungerecht. Haben doch Topmanager längst einen Status erreicht, der dem des Hauptrollen-Darstellers recht ähnlich ist.

Tom Cruise, dpa

Tom Cruise: Finanzmärkte und Medien verlangen Konzernchefs ab, wofür früher nur Holllywoodstars fürstlich bezahlt wurden: eine Aura der Unverwundbarkeit. (© Foto: dpa)

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Das gilt natürlich nicht für den Chef der örtlichen Kläranlage, der sich ja heutzutage auch schon CEO nennen darf. Aber bei den echten Schwergewichten, den Jack Nicholsons der Wirtschaft sozusagen, liegen Aufstieg und Fall beieinander wie bei den Diven in Hollywood.

Nach dem Schlaganfall ins Rampenlicht

Solange die Superstars der Firmen auf der Bühne stehen und die Analysten mit einem "Yes, we can" vom neuen Sanierungsplan überzeugen, verkaufen sich die Aktien ihrer Firma wie Fanartikel nach dem Fußballsieg. Aber wehe da zeigt einer Schwäche. Als Apple-Chef Steve Jobs kürzlich recht abgemagert aus seinem Rollkragenpullover blickte, spekulierte man sofort auf eine neue Krebserkrankung. Die Aktie schmierte ab. Ähnlich erging es Peugeot-Chef Christian Streiff, der sich kurz nach einem Schlaganfall ins Rampenlicht quälte, um das Premierenpublikum nicht zu enttäuschen. Hatte man da nicht ein Zittern in der Stimme gehört? Bloß weg mit dem Peugeot-Papier! Schließlich kriegen auch Stones-Fans ihre Eintrittskarten zurück, wenn Mick Jagger wegen Erkältung das Konzert absagen muss.

Finanzmärkte und Medien verlangen Konzernchefs mittlerweile das ab, wofür früher nur Tom Cruise oder Harrison Ford so fürstlich bezahlt wurden: eine Aura der Unverwundbarkeit. Und die gibt's nur mit Personenkult. So sortieren Zeitschriften Wirtschaftsführer nach Beliebtheit wie einst nur Torschützenkönige. In Zeremonien, die der Oscar-Verleihung ähneln, werden "Manager des Jahres" gekrönt, wobei dem Ritterschlag häufig der Rauswurf folgt.

Ein Star macht noch keine Mannschaft

Meldet ein Unternehmen einen Coup, brüstet sich damit konsequenterweise allein der Chef. So wie im Kino auch nur Julia Roberts von der Leinwand strahlt und nicht der Regisseur, die Drehbuchschreiberin und der Maskenbildner. Und macht die Firma Mist, schimpft der Stammtisch, dass "der Löscher" (Siemens-Chef) diesen Laden keinesfalls hätte verkaufen dürfen, ähnlich wie in: "Diesen Ball hätte der Lehmann halten müssen."

Topmanager müssen diesem Starkult folgen, aus eigenem Interesse. Begründen sie ihren Anspruch auf Millionen-Gehälter schließlich damit, einigermaßen einzigartig und damit nur schwer ersetzbar zu sein. Dabei wissen die wirklich Klugen unter ihnen, dass der Chef nur so gut sein kann wie das Team, das er zusammenstellt. Ein Star macht noch keine Mannschaft, und deren Stärke zählt, wenn der Spielführer vom Platz geht - was zuweilen eher früher als später geschieht. Eine gute Nummer eins hinterlässt so viel Eindruck, dass ihre Leute auch ohne sie am Ball bleiben. Schaffen sie das nicht, hat der vermeintliche Held die Falschen eingestellt. Aber dann taugt er selbst nicht viel. Die Aktie kann sich wieder erholen.

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(SZ vom 11.8.2008)