Von Harald Freiberger

Laut Gesetz muss der Chef das Büro auf eine angenehme Betriebstemperatur heizen. Doch das hilft nichts, wenn die Teamatmosphäre eisig ist.

Eine Meldung in der vergangenen Woche machte den Bundesbürgern bewusst, in welch schrecklichen Zeiten sie leben: Im Kölner Dom ist das Weihwasser eingefroren. Wundern muss sich darüber niemand, bei Außentemperaturen von 20 Grad minus und mehr in der Republik. Das Heizen gehörte noch nie zu den Stärken der katholischen Kirche, das weiß jeder, der sich im Winter auf einer Kirchenbank schon einmal den Allerwertesten abgefroren hat. Die Kirchensteuer und das Geld aus dem Klingelbeutel reichen offenbar nicht aus, um das Gotteshaus angemessen zu heizen.

Führungsspitzen Die soziale Wärmestube, frieren, iStock

Eisige Atmosphäre: Frieren soll niemand im Job, und wenn es der Chef mit dem Heizen nicht so genau nimmt, kann der Arbeitnehmer nach Hause gehen. (© Foto: iStock)

Anzeige

Arbeitnehmer haben es da besser als Kirchgänger. Schließlich verpflichtet das deutsche Gesetz den Chef, jeden Arbeitsplatz auf eine bestimmte Mindesttemperatur zu heizen. Für sitzende Tätigkeiten sind das 19 Grad, für schwere körperliche Arbeit immerhin noch zwölf Grad. Frieren soll niemand im Job, und wenn es der Chef mit dem Heizen nicht so genau nimmt, kann der Arbeitnehmer nach Hause gehen.

Einzelkämpfern mit Ellbogen

Was das Gesetz nicht vorschreibt, ist die richtige Temperatur für das Betriebsklima, und deshalb tun sich viele Firmen so schwer damit, sie zu finden. Bei den einen ist es so kalt, dass die Angestellten auf den Bürofluren jederzeit Eisstockschießen könnten. Aber dazu wird es nicht kommen, weil man dazu etwas gemeinsam unternehmen müsste, und das ist in einem Umfeld von Einzelkämpfern mit Ellbogen kaum möglich.

Interessant ist, dass manche Führungskräfte meinen, sie tun den Ihren etwas Gutes, wenn sie die Betriebstemperatur herunterfahren, einen gegen den anderen ausspielen, hier ihre Lieblinge auf den Schild heben, dort die weniger Gelittenen mobben. Schließlich, so meinen sie, fördere Konkurrenz das Geschäft. Das stimmt, aber nur bis zu einem gewissen Grad: Wo das Klima eisig ist, die Mitarbeiter nur noch gegeneinander arbeiten und nicht mehr fähig sind, Teams zu bilden, leidet die Kreativität.

Nussknacker und Orangenschälmesser

Das Gegenteil davon aber, das kuschelwarme Büro, ist genauso von Übel. Man kennt sie, jene Beschäftigten, die im Winter morgens bei Dienstantritt aus den Fellstiefeln heraus- und in die Birkenstocksandalen hineinschlüpfen und diese unter den Schreibtisch schieben, auf dem Nussknacker und Orangenschälmesser bereitliegen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist ihr Büro überheizt, und fast möchte man ihnen einen Vorgesetzten wünschen, der von Zeit zu Zeit vorbeischaut, die Fenster weit aufreißt und laut ruft: "Wir sind hier keine soziale Wärmestube, betreutes Wohnen könnt ihr zu Hause machen."

Die ideale Betriebstemperatur liegt wohl irgendwo dazwischen, und es schadet auch nicht, wenn sich kalte und warme Phasen abwechseln: Dort, wo die Mitarbeiter einer Abteilung durchaus miteinander konkurrieren und sich gegenseitig anspornen, danach aber auch wieder miteinander eine heiße Tasse Kaffee trinken können, wo Warmluft und Frischluft in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, muss man auch nicht fürchten, dass irgendwann ein Orkan die gesamte Mannschaft hinwegfegt.

Dann nämlich, wenn die ganz oben gemerkt haben, dass die Abteilung nichts auf die Reihe kriegt, weil es in ihr zu kühl oder zu kuschelig zugeht. Und dann gnade ihnen Gott, dann hilft nämlich nur noch Beten, auf leider viel zu kalten Kirchenbänken, und selbst das Weihwasser ist eingefroren.

Leser empfehlen 

(SZ vom 12.01.2009/tess)