Wenn Autobosse mit Hybridauto statt Privatjet gen Washington reisen, wollen sie nur eines: rettender Staatsknete.
Das Jahr neigt sich seinem Ende zu, und wenn wir uns der Woche für Woche besprochenen Führungsspitzen erinnern, finden wir wenige, die auf den jeweils zum Jahreswechsel frei werdenden Titel "Führungsspitzen der Herzen" Anspruch erheben könnten. Auch hier gilt der Sinnspruch: "Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her."
Richard Wagoner, Robert Nardelli und Alan Mulally vor dem Finanzausschuss im Kongress in Washington. (© Foto: dpa)
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In unserem Fall deckt sich dieses Irgendwo mit Detroit, und das Lichtlein, das von dorther kommt, ist ein dreifaches, bestehend aus Rick Wagoner, Alan Mulally und Robert Nardelli, den Bossen der maroden Autofirmen General Motors, Ford und Chrysler.
Galt nicht für sie in exemplarischer Weise, was Bobby Bare einst einem heimwehkranken Autobauer in den Mund legte? "Home folks think I'm big in Detroit city", sang er in den Sechzigerjahren, aber wer damals die Schlitten der Besatzungssoldaten vor Augen hatte, hätte alles für möglich gehalten, außer dass man in Detroit groß und glücklich sein könnte. Wagoner, Mulally und Nardelli waren in der Tat big in Detroit city. Umso grotesker mutete es an, als sie nun, auf der Suche nach rettender Staatsknete, nicht mit ihren Jets, sondern in Hybridautos nach Washington fuhren.
Sie saßen zwar nicht zu dritt in einem Auto, aber den Assoziationen tat dies keinen Abbruch. Was sich als erstes einstellte, waren die drei in einem Boot, nämlich Giller, Kulenkampff und Erhardt - was war das seinerzeit lustig. Danach war kein Halten mehr mit neuen Assoziationen: drei Männer in einem Bett. Die Drei von der Tankstelle, gefolgt von den drei Musketieren.
Drei Freunde sollt ihr sein. Und Drei mach gleich, so bist du reich. Die Ménage à trois. Schließlich die drei Jünglinge im Feuerofen, die freilich aus - wie nicht anders zu erwarten - drei Gründen sofort wieder aus dem Tableau entfernt wurden: erstens wegen des religiösen Bezugs, zweitens weil die Drei aus Detroit wahrlich keine Jünglinge mehr waren, drittens weil selbst die besten Hybridautos nicht das sind, was der Autofan unter einem Feuerofen versteht.
Wenn Manager vom Kaliber der drei Detroiter mit dem Hybridauto kommen, dann sieht das, und zwar nicht nur der prekären Lage wegen, nach einer Unterwerfungsgeste aus, wie man sie aus der Welt der Wölfe zu kennen glaubt. Unter Wölfen ist es üblich, dass der Schwächere seiner Niederlage zuvorkommt, indem er Signale passiver beziehungsweise aktiver Demut aussendet.
Indem er zum Beispiel die Ohren anlegt, den Blickkontakt vermeidet, die Rute einklemmt, sich auf den Rücken legt, die eigene Schnauze leckt, die Mundwinkel des Gegenübers anzustupsen sucht oder diesem den freien Hals darbietet. "Beiß ruhig zu, wenn du das Herz dazu hast", soll das heißen, und natürlich beißt der Kontrahent nicht zu, sondern rückt die zur Rettung bitter nötigen Milliarden heraus.
Aus all diesen Erwägungen heraus waren die drei Hybridautofahrer für uns die "Führungsspitzen der Herzen '08". Wieso waren sie es? Weil wir von einem Hundekenner erfuhren, dass das Halsdarbieten, als das die Aktion der Drei ja vornehmlich zu sehen war, in Wahrheit keine Unterwerfungsgeste ist, sondern ein Imponierausdruck: Du kannst mich mal, oder so. Wir werden die Ehrung nochmal überdenken.
(SZ vom 29.12.2008/sonn)
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