Von Dagmar Deckstein

Der Handyhersteller Nokia gibt sich nach der Werkschließung in Bochum wortkarg. Dieser Stil ist gang und gäbe bei Managern, die wie Söldner agieren.

Der eine oder andere Zeitgenosse mag sich dieser Tage die Zeit genommen haben, um mehr über die bösen Buben in Bochum in Erfahrung zu bringen. Eher früher als später werden Neugierige auf der Internetseite des Kandidaten einschlägig fündig. Partnerschafts-Poesie vom Feinsten: "Teamgeist, Respekt vor dem Einzelnen, Fairness und offene Kommunikation sind bei Nokia gelebte Werte. Unsere Mitarbeiter haben diese Einstellung in ihrer täglichen Arbeit in höchstem Maße verinnerlicht." Weil - natürlich, was denn sonst? - bei Nokia "der Mensch im Mittelpunkt steht." So sehr, dass sie in Bochum der betriebswirtschaftlichen Planwirtschaft des Managements jetzt etwas im Weg stehen. Und dass die unternehmerische Verantwortung alias Corporate Responsibility auch beim finnischen Handybauer ganz groß geschrieben wird, versteht sich sowieso von selbst: "Unternehmerische Verantwortung heißt für Nokia, die Einflüsse ihrer Arbeit auf Gesellschaft und Umwelt zu erkennen und entsprechend zu agieren.

Nokiawerk in Bochum

Nokiawerk in Bochum: Trotz Schließung liefert das Unternehmen Partnerschafts-Poesie vom Feinsten. (© Foto: dpa)

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Als Marktführer und weltweit tätiges Unternehmen nimmt Nokia diese Verantwortung sehr ernst." So ernst, dass das "führende Unternehmen für mobile Kommunikation" trotz der Protest-Kakophonie um die Bochumer Werksschließung die Ohren auf Durchzug stellt und Gesprächs- und Erklärungswünsche jeglicher Art mit "Ei" bescheidet, was auf Finnisch Nein heißt. Ganz zu schweigen von der überfallartigen Mitteilung an die 2300 Mitarbeiter, dass ihre Arbeit nicht mehr gebraucht werde. Kurz: ein merkwürdiger Kommunikationsstil im Management eines Kommunikationsunternehmens, ein einzigartiger Beweis von "Respekt vor dem Einzelnen."

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Es mag erst einmal dahingestellt bleiben, ob Nokia tatsächlich gute Gründe hat, die Handyproduktion von Deutschland nach Rumänien zu verlagern. Im Regelfall stecken hinter solchen vermeintlichen Lösungen im Hau-Ruck-Verfahren unternehmerische Versäumnisse in der konsequenten Weiterentwicklung eines Standorts. Wenn es sich hier um einen unappetitlichen Einzelfall handelte, könnte man sagen: geschenkt. Shit happens. Der Nokia-Stil ist aber gang und gäbe in jenen Manager-Kreisen, die sich im Namen der Profitabilität um jeden Preis durch Bindungslosigkeit und eine gewisse Söldnermentalität ausweisen. Dann sollen sie aber auch nicht ihre Unternehmensbroschüren mit Lippenbekenntnissen vollschreiben, die ihnen nach dem offensichtlichen Verstoß dagegen ohnehin niemand mehr abkauft. Ebensowenig wie ihre Handys, nachdem schon der Schlachtruf zum Nokia-Boykott erschallt. Nichts ist verheerender für die Reputation und damit fürs Geschäft eines Unternehmens, als ein solch eklatantes Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit.

Eines der besten Wirtschaftsbücher dieses Jahrzehnts ist das von vier amerikanischen Marketingexperten verfasste "Cluetrain-Manifest" mit seinen 95 Thesen über eine neue Unternehmenskultur im digitalen Zeitalter. Gegen die Arroganz des Managements mit seinen unverbindlichen Sprechblasen lautet die erste These: "Märkte sind Gespräche". Kunden, Mitarbeiter, das ganze Umfeld der Unternehmen ist vernetzter, intelligenter und fordernder geworden. Wer sich, wie Nokia, dem Gespräch verweigert, muss sich nicht wundern, wenn nur noch über ihn geredet wird. Und zwar ausschließlich schlecht.

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(SZ vom 21.1.2008/bön)