Menschlich, entscheidungsfreudig, durchsetzungsfähig: Warum Bosse einfach alles sein müssen - und warum ihnen das irgendwann egal ist.
Auf manche Fragen kommen nur Erwachsene. Zum Beispiel auf "Was willst du später mal werden, Kind?" Zu den wahrscheinlichsten Antworten gehören "Kindergärtner" oder "Busfahrer". Vielleicht ruft das Kind aber auch "Boss!" - und staunt über das wohlwollende bis zweifelnde Gelächter. Das Kind weiß offenbar, was es will. Aber soll man ihm wirklich wünschen, einmal Boss zu werden? Das Chefsein hat schließlich auch seine Kehrseite. Und zu der gehört: Alle wissen ganz genau, wie ein Chef zu sein hat. Leider trifft das selten mit dem zusammen, was und wie der jeweilige Chef tatsächlich ist.
Nachfolger-Boss: Auch die Mitarbeiter, die noch niemals geführt haben, kritisieren seine Führungsqualitäten. (© Foto: iStock)
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Nur in einem Moment fehlt solch eine konkrete Vorstellung häufig: Dann, wenn eine Führungskraft rekrutiert wird. Wieso gerade der oder die? Das fragen sich dann seine neue Umgebung und mancher Beobachter, sobald der Name feststeht. Da macht es die Bundesregierung zurzeit besser. Sie sorgt bei der Besetzung des Chefpostens der staatlichen KfW-Bank im Vorfeld für Klarheit und spricht ihre Vorstellungen präzise aus: Gesucht wird nach dem Rücktritt von Ingrid Matthäus-Maier "nach einer Persönlichkeit mit hohem Sachverstand".
Definitionssache Mensch
Eine klare Anforderung, die Suche sollte gelingen. Aber Moment, da ist noch etwas. Hoher Sachverstand reicht offenbar doch nicht. Schließlich wurde Matthäus-Maier zugute gehalten, dass mit ihr "endlich mal ein Mensch an der Spitze dieser Kreditmaschinen" war, wie es in Bankenkreisen hieß. Wie aber definiert man bei der Kandidatensuche "Mensch"? Und die Anforderungen an den Nachfolger-Boss steigen, je mehr Beteiligte und Unbeteiligte gefragt werden - oder ihre Meinung ungefragt kundtun.
Am wenigsten interessiert bei der Besetzung hoher Positionen die Vorstellung der Mitarbeiter. Dabei wissen auch sie ganz genau, wie ihr Chef zu sein hat. Das zeigte jüngst eine Umfrage des geva-Instituts. Demnach ist der Alpha-Typ gefragt, der mit Entscheidungsfreude und Durchsetzungskraft überzeugt. Aber diese Stärke allein reicht seinen künftigen Untergebenen nicht: Der Alpha-Boss soll sich auch noch von seiner Intuition leiten lassen, nach Konsens streben, Wert auf ein gutes Betriebsklima legen, sich stets souverän verhalten und sich treu bleiben. Und der Sachverstand? Für die Mitarbeiter offenbar zweitrangig.
Jeder redet mit
Ist die Suche erst einmal abgeschlossen und der neue Chef auf seinem Platz, weichen die Wünsche seiner Umgebung der steten Besserwisserei. Im Falle der KfW-Bank seufzte ein Insider: "Der Unterschied zwischen einem Privat- und einem Staatsbanker ist, dass bei der Bewertung der Leistung des Staatsbankers jeder Depp mitreden darf." Aber das geht nun wirklich nicht nur den Bankern so. Im Gegenteil, es scheint das Schicksal jedes Chefs zu sein, dass jeder mitredet. Natürlich kritisieren auch die Mitarbeiter, die noch niemals geführt haben, seine Führungsqualitäten.
Aber nun genug von den schlechten Seiten des Boss-Seins. Soll man den Nachwuchs-Managern deswegen ihren Kindheits-Traumberuf ausreden? Immerhin hat so eine Position ja auch ihr Gutes: Ist man erst einmal Chef geworden, wird man es aller Wahrscheinlichkeit auch bleiben - sei es nicht in dieser, dann in einer anderen Position, sei es nicht in jenem Unternehmen, dann mit Sicherheit anderswo. Kein Wunder, dass vielen Führungskräften die Meinungen ihrer Umgebung im Laufe ihrer Karriere egal werden. Also, ja, Kind: Werde Boss. Und lerne zuzuhören, aber manchmal auch wegzuhören.
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(SZ vom 14.4.2008/bön)
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