Von Dagmar Deckstein

Wenn sich Mitarbeiter den perfekten Chef selber backen könnten, stünde die Obamasierung des Managements bevor. Die Realität ist allerdings ernüchternd, wie die GM-Bosse erst grade vorgeführt haben.

Wie wäre es, wenn wir uns in diesen scheußlichen Krisenzeiten mal einen Chef backen, der nicht gleich überreagiert, wenn mal ein paar Autos, Anzeigen oder Anleihen weniger verkauft werden, der nicht sofort Spitzenkräfte auf die Straße setzt und sich nicht selbst panisch unter einen Staatsknete-Schirm flüchtet?

Backen, ddp

Backen: Das Rezept für den perfekten Chef enthält vor allem viel Obama. (© Foto: ddp)

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Gut, probieren wir das. Schauen wir mal, welche Zutaten wir brauchen, um ein Produkt aus dem Ofenrohr ziehen zu können, das unseren hohen Ansprüchen entspricht.

Er - gerne auch sie - soll die große Geste beherrschen und Aufbruchstimmung verbreiten und dabei Gelassenheit ausstrahlen. Er soll nicht grandios oder pompös auftreten, damit er als glaubwürdige Projektionsfläche für zahlreiche Wünsche dienen kann.

Dabei muss er allzu hohe Erwartungen geschmeidig und zurückhaltend unterlaufen. Er müsste es schaffen, das Gefühl der Dringlichkeit für Veränderung in der Belegschaft zu entfachen, und er müsste begeistern. Damit eine Wir-Bewegung gegen Groll und Verbitterung in dieser Rezessions-Depression entstehen kann. Gesten und Mimik sollen sich mit seiner Persönlichkeit decken, die vor allem Hartnäckigkeit und scharfen Verstand erkennen lässt, und er darf nicht zu dick auftragen.

Führung muss persönlicher werden

Etwas Jungenhaftes, Unverbrauchtes und Natürliches im Auftreten wäre sehr angenehm, und wenn dann noch ein hoher Coolness-Faktor dazukäme, wäre das Glück perfekt. Kurz: So einer entspräche dann dem Anforderungsprofil, wie es der Chef einer großen Unternehmensberatung unlängst definiert hat: Führung bedarf heutzutage glaubwürdiger Persönlichkeiten, die im direkten Dialog mit Mitarbeitern das Gefühl vermitteln, mit der Unsicherheit klarkommen zu können. Führung muss also persönlicher werden, was schwieriger ist.

Was die vor der Rührschüssel ausgebreiteten Backzutaten für einen solchen Tausendsassa anbetrifft, so stammen sie allesamt aus dem Werkzeugkasten von PR- und Medienfachleuten, die der Faszinationskraft des künftigen US-Präsidenten auf die Spur zu kommen trachteten. Wenn einer die ganze Welt mit seiner Botschaft des Wandels in den Bann ziehen kann, müsste das für einen Unternehmensvorstand mit ein paar hundert oder auch tausend Beschäftigten zum Ansporn und Nacheifern gereichen.

Was also ansteht, ist nichts Geringeres als die Obamasierung des Managements. Davon aber können zahllose nach hergebrachten Grundsätzen des Berufsmanagertums Geführte vorläufig nur träumen. Wie beflissen und manchmal unbeholfen sehen wir die Anzugträger in den Chefetagen flipcharten und costcutten, um wenigstens ihre eigene Unsicherheit hinter bunten Folien zu verbergen.

Die goldene Zitrone für Autismus verleihen wir in diesem Zusammenhang den drei Vorstandsvorsitzenden der so gut wie bankrotten US-Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler. Die ersuchen gerade um Staatsgeld zur Rettung ihrer maroden Betriebe. Zur Anhörung aber vor dem US-Kongress in Washington flogen sie im teuren Privatjet ein, von dem sie auch in diesen schweren Zeiten nicht zu lassen gedenken. Ziemlich bushy ist das, ganz und gar nicht obamesk.

So, die Backzeit ist um, der Ofen ist ausgestaltet, der gewünschte Chef steht auf und sagt in diesen Zeiten mit hektischen Entlassungen als erstes folgendes: Die Kunst der Unternehmensführung besteht vor allem darin, für schlechte Zeiten vorzusorgen.

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(SZ vom 24.11.2008/heh)